Sonneborn to be wild
Dies und das | Bemerkenswerte Nebensächlichkeiten | Spezialitäten aller Art
"Großvater Rufino, ein Züchter und Abrichter von Kampfhähnen ... schleppte ihn auf alle Kampfplätze und Hühnerhöfe der Gegend und lehrte ihn die Kunst, einen Hahn so abzurichten, daß er niemals verliert. [ ... ] Mit der Philosophie von Großvater Rufino ("Wette niemals auf einen Hahn, wenn Du nicht sicher sein kannst, daß er gewinnt") sah der Junge voller Genugtuung jenen Hahn heranwachsen und gewinnen, den er schon als gewöhnliches Ei gekannt hatte."
Themen: Aufgelesen, Text und Stil
Vier Jungs mit Minderwertigkeitskomplexen und sozialen Problemen, die ganz sicher nicht zu den Allerhellsten der Republik zählen, planen mit einem reichlich untauglichen Sprengstoff angeblich das größte Attentat der deutschen Geschichte, werden dabei angeblich von einer usbekischen Terrororganisation geschult, von der kein Mensch weiß, ob es sie gibt, und lassen sich nach mehreren Monaten Beobachtung durch mehrere hundert Polizisten (von der die ausgebufften Terroristen angeblich nichts mitbekommen haben, klar) am Ende in einem winzigen hessischen Dorf festnehmen. Die Medien jubeln, ein gewaltiger Sieg für unsere Sicherheit!
Und keiner fragt, ob an dieser Geschichte etwas faul sein könnte? Die F.A.Z. erdreistet sich sogar, das Geschrei um die Sauerland-Gruppe auszunutzen, um darauf hinzuweisen, daß wir natürlich unbedingt die Vorratsdatenspeicherung brauchen (die im Fall der Sauerländer bekanntlich gar nicht notwendig war).
Einen kritischen Beitrag zu dieser merkwürdigen Geschichte von Walter van Rossum kann man immer noch beim Deutschlandfunk herunterladen - leider nur das Manuskript und nicht mehr den Funkmitschnitt.
Themen: Politik und Gesellschaft
Stefan Niggemeyer hat in seinem Blog wieder einmal eine Diskussion zur Stellung der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender angestoßen. Ich finde zwar, daß wir nichts verlieren würden, wenn es von heute auf morgen keine Öffis mehr gäbe. Doch man kann ja angesichts der zerbröselnden Verlagslandschaft meinetwegen ruhig die Ansicht vertreten, daß wir einen Medientypus brauchen, der nicht streng quoten- oder PI-orientiert arbeitet und zumindest in Teilen dem Allgemeinwohl verpflichtet ist.
Aber selbst wenn man das so sieht – warum muß der öffentlich-rechtliche Rundfunk unbedingt in Molochform organisiert sein? Durch große Anstalten stellt man lediglich sicher, daß es andere Anbieter auf dem Informationsmarkt besonders schwer haben. Wenn man ernsthaft der Ansicht ist, daß es ohne Staatseingriff keine Informationsfreiheit gibt, wäre doch ein anderer Weg viel sinnvoller: Man orientiert sich an anderen Bereichen und gewährleistet die Versorgung der Bevölkerung mit Informationen über entsprechende Ausschreibungen. Eine Stadt möchte, daß ihre Bürger mit lokalen Informationen und Analysen versorgt werden? Dann beauftragt sie ein oder zwei Redaktionsbüros für eine gewisse Zeit mit entsprechender Berichterstattung. Wenn sie sich bewähren, erhalten sie den Auftrag später erneut. Wenn nicht, bekommen andere Journalisten eine Chance.
Natürlich müßte man sicherstellen, daß die Politik nicht einfach willfährige Redaktionen beauftragt. Es ginge also wahrscheinlich nicht ohne starke Bürgerbeteiligung. Selbst wenn man nur die Hälfte der derzeitigen Rundfunkgebühren veranschlägt, könnte man eine unerreichte Dynamik in der Medienlandschaft entfachen.
Aber daran haben unsere Rundfunkpolitiker natürlich kein Interesse.
Themen: Politik und Gesellschaft
Noch bis Ende Januar läuft die Ausstellung Art and Illusions im Palazzo Strozzi in Florenz. Wir fahren auf den letzten Drücker hin und können schon eine halbe Stunde nach unserer Landung nachweisen, daß Italianità das Gegenteil von Swissness ist. Und zwar so: Am Bahnhof fragen wir zwei Busfahrer, ob unsere Zielhaltestelle auf ihrer Route liegt. Beide wissen es nicht. Daraufhin steigen wir unerschrocken in den dritten Bus und stellen einem Passagier dieselbe Frage. Auch er hat keine Ahnung, fragt aber einen weiteren Fahrgast ... und dieser einen weiteren ... und so weiter. Nach wenigen Sekunden diskutiert der ganze Bus lustvoll mit, ohne daß wir der Antwort näher kommen. Schließlich empfiehlt man uns den Ausstieg an einer letzlich falschen Haltestelle. Bella Italia!
Apropos Busbahnhof: Zunächst sind wir erschrocken angesichts des jämmerlichen Zustands des Wartebereichs. Später erfahren wir staunend, daß das verfallene Areal Kunst ist, absichtsvoll angelegt wurde und an verlassene Bastionen erinnern soll. Ein Interpretationsprinzip, von dem auch die eine oder andere deutsche Innenstadt lernen kann!
Am nächsten Tag natürlich erst einmal Pflichtprogramm: Dom bleibt Dom, da helfen keine Pillen. Während des Aufstiegs zu der in vielfacher Hinsicht bemerkenswerten Kuppel stoßen wir mehrfach auf Warnschilder mit dem Hinweis "Do not write on the walls" - natürlich jeweils an den wenigen Stellen, die noch nicht bekritzelt sind. Hofstadterissimo! Dann geht es in den Strozzi-Palast. Gleich hinter dem Eingang ärgert sich Anke über eine dreiste Dame, die ihr die Sicht vor einem Bild versperrt. Sie tippt ihr auf die Schulter ... und löst damit einen Alarm aus, denn bei der Dame handelt es sich um die Skulptur Woman with Child in Stroller von Duane Hanson. Besser kann eine Ausstellung über optische Täuschungen ja wohl nicht beginnen! Ich bleibe am Gemälde Artnica von Jacques Poirier hängen, das mich merkwürdig berührt, obwohl bzw. wahrscheinlich weil es so trivial ist. Im Museumscafé sind wir sehr beeindruckt von der Lampe Venti Volte des Berliners Markus Bader.
"Farsi avanti" - die Bedeutung dieses Konzepts lernt man von den Italienern sehr schnell. Erstaunlicherweise müssen wir uns bei den Uffizien aber nicht vordrängeln, weil praktisch niemand außer uns in die Ausstellung möchte. Schon nach wenigen Minuten stehen wir also in der ehrfurchtgebietenden Kunstsammlung. Hier wird ja hervorragend dargestellt, daß das Abendland nur etwa 1.500 Jahre brauchte, um den zerstörerischen Einfluß des Christentums auf Geist & Vorstellungskraft zu neutralisieren. Apropos Vorstellungskraft: Nach einigen Stunden Kunstgenuß stärken wir uns im Café Rivoir, wo die Kellner unvorstellbar hochnäsig sind.
Am nächsten Tag geht es mit dem Zug nach Lucca. Das Bahnwesen ist in Italien ja auf einem deutlich höheren Niveau als zum Beispiel in Ägypten. So holt unser Zug laut Ansage innerhalb von nur 5 Minuten eine Verspätung von 13 Minuten auf. Chapeau! In Lucca schlürfen wir zufällig den besten Espresso, auf den wir jemals stießen, und dann auch noch in einer Bar, die bemerkenswert banal Moka Bar heißt.
Während der Weiterfahrt nach Pisa bleibt unser Zug plötzlich auf offener Strecke stehen. Keiner weiß, warum, aber alle Fahrgäste reden fleißig mit. Irgendwie kommen wir aber doch noch an und begeben uns sogleich zum berühmten Campanile. Galileo Galilei hat hier ja vor mehr als 400 Jahren angeblich die Naturwissenschaft erfunden, aber warum hat er in der wundersamen Wendeltreppe eigentlich nicht gleich das Prinzip der modernen Achterbahn dazuentdeckt?
"Ich muß gestehen, daß es einen Aspekt in diesem Buch gibt, der mir bisweilen Unbehagen bereitet, nämlich das ins Auge springende Ungleichgewicht zwischen seinen unterschiedlichen Themen. Wie können zwei Themen wie Rubiks Zauberwürfel und das nukleare Armageddon in ein und demselben Buch von ein und demselben Autor mit gleicher Ausführlichkeit behandelt werden?"
"Das abgesprochene Anfertigen von Kornkreisen, die Vermarktung sowie das Behaupten, der Kreis sei 'echt', ist in Deutschland legal."
Themen: Aufgelesen, Plaisanterie, Text und Stil
"Is there an English equivalent for 'jein'?" - "Yes and no."
Themen: Plaisanterie, Text und Stil
Aus einer Amazon-Rezension der Verfilmung von The Importance of Being Earnest:
"Aufgrund der hochkarätigen Besetzung habe ich mehr von diesem Film erwartet. Nur mit Mühe habe ich ihn zu Ende gesehen, dabei bin ich ein großer Jane-Austen-Fan und liebe Filme aus diesem Metier. Diesen allerdings kann man sich gut schenken. Pure Zeitverschwendung."
Themen: Kultur, Plaisanterie
Der Weltverbesserungsclub tagt in Karlsruhe. Schon bei der Anfahrt der Berliner Mitglieder gibt es Diskussionsbedarf, Martin schickt nämlich eine ETA per SMS. Entweder fährt er also extrem selten Bahn, oder er steht ihr außerordentlich wohlwollend gegenüber. Doch rätselhafterweise kommen die beiden überaus pünktlich an. Der Spaß kann beginnen!
Nach den üblichen theoretischen Erörterungen praktisch völlig unerheblicher Fragen wagen wir uns an das Kartenspiel Keltis, eine Bearbeitung des Klassikers Lost Cities. Erwartungsgemäß spielt uns Lost-Cities-Weltrekordhalter Bernhard munter in Grund und Boden. Später kommt das Gespräch auf Grundsätze, die man unbedingt einhalten sollte, wenn man einen Atomkrieg führen und nicht als Hauptverlierer vom Platz gehen möchte. An der Trainingssoftware DEFCON gefällt mir ja vor allem folgende herrlich zurückhaltende Bildunterschrift: Europe gravely miscalculates the strength of their alliance. Am Abend stößt Presseattaché Frank dazu, und wir fahren ins 3 Mohren nach Kandel. Wie immer werden mit exklusivster Ausrüstung fotografische Dokumente der gebratenen Gockel angefertigt, wahrscheinlich zum Verblüffen der anderen Gäste.
Sonntag früh treffen wir uns zur Lagebesprechung im Cielo. Aus unbekannten Gründen beginnen Martin und Frank trotz des guten Milchkaffees eine leidenschaftliche Diskussion der Lage der deutschen Sprache. Martin hält klare Sprachregeln für unbedingt nötig, Frank für unbedingt überflüssig, und Bernhard vertritt wegen der großen Bedeutung der Fragestellung vehement beide Positionen. Ich hingegen bin wie immer neutral, selbst gegenüber meiner Neutralität.
Am späten Nachmittag gewinnt allmählich ein ungeheurer Gedanke an Gestalt: noch ein zweites Mal Hähnchenfuttern in der Pfalz? Wegen großen Hungers fragen wir vorab telefonisch an, wie lange wir wohl auf unsere Gockel warten müssen: "20 Minuten!" Und tatsächlich: Nur rund 50 Minuten nach unserer Ankunft im 3 Mohren stehen die Teller auf dem Tisch. Dafür verrät man uns aber zum Abschied, daß der Rekord bei neun(!) halben Hähnchen für einen einzigen Gast liegt.
"Der Vorsitzende Mao fragte sie: 'Wie heißt Du?' Sie antwortete: 'Song Bin-bin.' Der Vorsitzende Mao fragte: 'Ist es das 'Bin' wie in 'Wohlerzogen und Sanft [sic!]'? Sie sagte: 'Ja.' Der Vorsitzende Mao sagte: 'Sei gewalttätig!' Song Bin-bin änderte ihren Namen daraufhin in 'Sei gewalttätig', und ihre Schule erhielt den Namen 'Die Rote [sic!] gewalttätige Schule'."
Johann König tritt mit seinem Programm Total Bock auf Remmi Demmi in der Badnerlandhalle auf und macht fast zweieinhalb Stunden lang gute Witze. Eine tragische Miniatur wird unvergessen bleiben:
Ich sense durch das Gras. Aus Spaß.
Ein Frosch verweilt – zerteilt.
Themen: Kultur