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Montag, 19. Juli 2010

Portico Quartet in Bad Bergzabern



Ich war erstens noch nie auf einem Konzert des Palatia Jazz Festivals, zweitens noch nie auf einem Konzert im Schloß Bad Bergzabern und drittens auch noch nie auf Konzert des Portico Quartets (die - viertens - von einigen Mitgliedern der Jazzpolizei gar nicht als Jazz akzeptiert werden). Dreieinhalb gute Gründe also, sich auf den Weg in die Pfalz zu machen!

Das Konzert beginnt rätselhaft. Die vier Jungs oszillieren gekonnt zwischen hypnotischen Elementen wie bei Nik Bärtsch und eleganten Melodien à la e.s.t., doch wir fragen uns, woher dieser merkwürdige glockenhelle Ton kommt, der interessanterweise etwas häufiger als einmal pro Takt angeschlagen wird? Und vor allem: von wem? Nick Mulvey mit seinen hang drums scheint es jedenfalls nicht zu sein. Eine hochkomplexe, polymetrische Spielerei? Zwischen zwei Stücken dann die Auflösung: Ein Spatz sitzt auf dem Schloßdach und bringt sich fröhlich in die Improvisation ein.

In der Pause erstehe ich noch für 3 Euro eine CD des Roten Bereichs und werde so an Rudi Mahall erinnert.

Montag, 10. Mai 2010

Bahn frei

Historische Straßenbahnfahrt durch Karlsruhe! Leider befinden sich die wirklich antiken Bahnen derzeit in Reparatur, so daß wir auf den Gelenktriebwagen 12 ausweichen müssen - mit seinen rund 50 Jahren  eine Art Jungspund im Rentnerarsenal der KVV. Unser Moderator versichert uns aber, daß schon in Kürze wieder ein runderneuerter Bahnveteran zur Verfügung stehen wird.

Wir machen es uns derweil in den gepolsterten Sitzen bequem und freuen uns über die Gesichter der Fußgänger draußen, die wahrscheinlich die Farbgebung der Bahn nicht glauben können: Zickengelb und Schreckgrün, dazu gelbgetönte Scheiben. Während wir die badische Metropole vorüberziehen lassen, werden wir über einige Aspekte der Superlativstadt Karlsruhe informiert, die wir noch nicht kannten. So gab es in Karlsruhe die erste Kastanienallee Deutschlands! Und Goethe höchstselbst hielt die Durlacher Allee seinerzeit für die schönste Allee im ganzen Land. Sogar einen fiktiven Superlativ hat KA heute zu bieten: Hätte man das Dörfle in den 60er Jahren nicht größtenteils abgerissen, wäre die urige Kleinbürgersiedlung heute Deutschlands Touristenattraktion Nr. 1. Wow! Wow! Wow!

Der Nachmittag klingt badischstmöglich mit Kaffee & Kuchen im Café Böckeler aus.

Dienstag, 23. Februar 2010

Italienische Reise

Noch bis Ende Januar läuft die Ausstellung Art and Illusions im Palazzo Strozzi in Florenz. Wir fahren auf den letzten Drücker hin und können schon eine halbe Stunde nach unserer Landung nachweisen, daß Italianità das Gegenteil von Swissness ist. Und zwar so: Am Bahnhof fragen wir zwei Busfahrer, ob unsere Zielhaltestelle auf ihrer Route liegt. Beide wissen es nicht. Daraufhin steigen wir unerschrocken in den dritten Bus und stellen einem Passagier dieselbe Frage. Auch er hat keine Ahnung, fragt aber einen weiteren Fahrgast ... und dieser einen weiteren ... und so weiter. Nach wenigen Sekunden diskutiert der ganze Bus lustvoll mit, ohne daß wir der Antwort näher kommen. Schließlich empfiehlt man uns den Ausstieg an einer letzlich falschen Haltestelle. Bella Italia!

Apropos Busbahnhof: Zunächst sind wir erschrocken angesichts des jämmerlichen Zustands des Wartebereichs. Später erfahren wir staunend, daß das verfallene Areal Kunst ist, absichtsvoll angelegt wurde und an verlassene Bastionen erinnern soll. Ein Interpretationsprinzip, von dem auch die eine oder andere deutsche Innenstadt lernen kann!

Am nächsten Tag natürlich erst einmal Pflichtprogramm: Dom bleibt Dom, da helfen keine Pillen. Während des Aufstiegs zu der in vielfacher Hinsicht bemerkenswerten Kuppel stoßen wir mehrfach auf Warnschilder mit dem Hinweis "Do not write on the walls" - natürlich jeweils an den wenigen Stellen, die noch nicht bekritzelt sind. Hofstadterissimo! Dann geht es in den Strozzi-Palast. Gleich hinter dem Eingang ärgert sich Anke über eine dreiste Dame, die ihr die Sicht vor einem Bild versperrt. Sie tippt ihr auf die Schulter ... und löst damit einen Alarm aus, denn bei der Dame handelt es sich um die Skulptur Woman with Child in Stroller von Duane Hanson. Besser kann eine Ausstellung über optische Täuschungen ja wohl nicht beginnen! Ich bleibe am Gemälde Artnica von Jacques Poirier hängen, das mich merkwürdig berührt, obwohl bzw. wahrscheinlich weil es so trivial ist. Im Museumscafé sind wir sehr beeindruckt von der Lampe Venti Volte des Berliners Markus Bader.

"Farsi avanti" - die Bedeutung dieses Konzepts lernt man von den Italienern sehr schnell. Erstaunlicherweise müssen wir uns bei den Uffizien aber nicht vordrängeln, weil praktisch niemand außer uns in die Ausstellung möchte. Schon nach wenigen Minuten stehen wir also in der ehrfurchtgebietenden Kunstsammlung. Hier wird ja hervorragend dargestellt, daß das Abendland nur etwa 1.500 Jahre brauchte, um den zerstörerischen Einfluß des Christentums auf Geist & Vorstellungskraft zu neutralisieren. Apropos Vorstellungskraft: Nach einigen Stunden Kunstgenuß stärken wir uns im Café Rivoir, wo die Kellner unvorstellbar hochnäsig sind.

Am nächsten Tag geht es mit dem Zug nach Lucca. Das Bahnwesen ist in Italien ja auf einem deutlich höheren Niveau als zum Beispiel in Ägypten. So holt unser Zug laut Ansage innerhalb von nur 5 Minuten eine Verspätung von 13 Minuten auf. Chapeau! In Lucca schlürfen wir zufällig den besten Espresso, auf den wir jemals stießen, und dann auch noch in einer Bar, die bemerkenswert banal Moka Bar heißt.

Während der Weiterfahrt nach Pisa bleibt unser Zug plötzlich auf offener Strecke stehen. Keiner weiß, warum, aber alle Fahrgäste reden fleißig mit. Irgendwie kommen wir aber doch noch an und begeben uns sogleich zum berühmten Campanile. Galileo Galilei hat hier ja vor mehr als 400 Jahren angeblich die Naturwissenschaft erfunden, aber warum hat er in der wundersamen Wendeltreppe eigentlich nicht gleich das Prinzip der modernen Achterbahn dazuentdeckt?

Montag, 30. November 2009

Pollini & Pilatus

Nach langen zwei Jahren gönnen wir uns endlich mal wieder ein Wochenende in Luzern. Der Monat spricht natürlich dagegen, aber leider findet das Piano-Festival nun mal stets im November statt. Wir steigen also in die Bahn und machen uns auf den Weg in die Schweiz.

Nach dem Umstieg im Schweizer Bahnhof in Basel wollen wir unsere Plätze einnehmen, doch der Herr am Fenster will einfach nicht weichen. Das Prinzip der Reservierung scheint ihm nicht geläufig zu sein. Es geht ein bißchen hin und her, dann haben die – eigentlich unbeteiligten – Damen gegenüber ein Einsehen und machen ihre Plätze für den Herrn frei, damit wir uns auf unsere Plätze setzen können. Uns ist diese eidgenössische Höflichkeit ein bißchen peinlich, aber der dreiste Herr fühlt sich pudelwohl. Andere Länder, andere Unsitten.

Auf dem Weg zum Hotel staunen wir über den neuesten Luzerner Freizeittrend: Fahrräder werden in die Reuss geworfen, bleiben dort eine Weile liegen, wieder herausgeholt und dann erneut hineingeschmissen. Offenbar eine kultische Handlung, die sich Außenstehenden nicht erschließt, aber immerhin ein wenig an das deutsche Regietheater erinnert! Inspiriert beziehen wir unser wunderbar altmodisches Hotelzimmer mit Blick auf den Pilatus, der ja im Prinzip ein Emmentaler, aber alles andere als Käse ist. Beim Frühstücksbüfett entdecke ich zum ersten Mal Ovomaltine-Brotaufstrich und bin etwas enttäuscht: Nutella mit Knusperstückchen, muß das sein?

Doch für weitere Überlegungen bleibt keine Zeit, schließlich müssen wir den stolzen Ozeanriesen erreichen, mit dem wir über den Vierwaldstätter See zum Rütli schippern wollen. Dort erleben wir dann das wohl unspektakulärste Nationalheiligtum der Welt. Die Ehrenwache des historischen Ortes wird von sorgfältig ausgewählten Schafen gebildet, deren zahlreichen Hinterlassenschaften man auf dem Rasen leider nur schwer ausweichen kann. Kein Wunder, daß Wilhelm Tell damals hier nicht mitgeschworen hat.

Am frühen Abend lauschen wir dann dem Spiel Maurizio Pollinis im KKL (in dessen Foyer es in diesem Jahr mehr Gäste als Sicherheitsleute gibt, erstaunlich!). Beethovens Sturm-Sonate und die Appassionata bringt Pollini für meinen Geschmack ein wenig fad auf die Tasten, aber in Schumanns Fantasie op. 17 entzündet er ein Feuerwerk der Dynamik (auch wenn die NZZ nicht begeistert war). Den gelungenen Tag beschließen wir in der gemütlichen Rathaus Brauerei, wo ich das Rathaus-Bock empfehlen kann (Anke das normale Rathaus-Bier aber weniger).

Am Sonntag schließlich wollen wir mit der Pilatusbahn ganz nach oben. Auf dem Gipfel in rund 2.100 Metern Höhe weht es uns frisch um die Ohren, doch die Aussicht entschädigt für alles.

Montag, 23. November 2009

Muß i denn, muß i denn ins Städele hinein?

Jahresherbstausflug nach Frankfurt. Unser Ziel ist das Städel, in dem gerade eine umjubelte Botticelli-Ausstellung läuft. Doch am Eingang kommen mir angesichts der Besucherschlange Zweifel: rein oder nicht rein? Die kulturignorante Antwort lautet: nicht rein. Und so wandern wir Herren ins Holbein's, um wenigstens italienische Kaffeespezialitäten zu genießen, während sich die Damen der Kulturrezeption widmen.

Später schauen wir noch bei Gaby & Bernd vorbei, wo mir Bernd das Bier des Jahres vorsetzt: ein Schlappeseppel. Immerhin aus hefekultureller Sicht also ein gelungener Tag!

Dienstag, 29. September 2009

Endlich wieder auf Amrum

Treffen sich zwei Werbetexter auf Amrum. Sagt der schlechtere: Hier ist Meer los. Sagt der bessere: Nein, weniger!

Die soeben neu geschaffene Kategorie des Amrum-Witzes ist wahrscheinlich nicht sehr zukunftsträchtig, doch Tatsache ist und bleibt: Amrums Hauptattraktionen sind der interessanteste Minigolfplatz und höchstwahrscheinlich die Inseltankstelle. Folglich kann man gar nicht anders, als schnell zu entspannen. Nach 2 Jahren verbringen wir also mal wieder ein paar Tage an der Nordsee.

Sylt und Amrum haben ja eine Gemeinsamkeit: Bohlen. Auf Sylt beschreibt der Begriff einen gewissen Urlaubertypus, auf Amrum hingegen das Holzstegnetz, das sich überall durch die Dünen zieht. Schon nach einer unserer ersten Wanderungen durch die frische Luft biegen wir jedoch ab und wagen eine Partie Minigolf. Auf jedem zweiten Schild lesen wir unfreundliche Hinweise auf fällige Strafzahlungen, wenn man unerlaubterweise mehr als 7 Schläge pro Bahn spielt, hm. Anke läßt sich allerdings (leider) nicht beeindrucken und gewinnt knapp 81 zu 82.

Auch bei der anschließenden Strandwanderung bleibt sie ganz cool und sammelt routiniert Muscheln & Co. ein, obwohl wir auf ganz anderes Meeresgetier als bei unserem ersten Amrum-Aufenthalt stoßen. Doch plötzlich erstarren wir beide! Was ist denn das dort hinter der Düne, eine abstrakte Skulptur mitten im Sand? Als Karlsruher sind wir natürlich ZKM-gestählt und suchen minutenlang nach neuer Formensprache und komplexen Raumstrukturen, bis wir feststellen: Entwarnung – bloß eine Kinderburg mit ein wenig Gestänge hier und da!

Am nächsten Tag müssen wir den Wanderschock verdauen und machen zur Abwechslung eine Fahrradtour. Auf dem Weg nach Wittdün kommen wir am Steenodder Kliff vorbei und betrachten schweigend das gewaltige Naturschauspiel: Im ewigen Kampf der Elemente hat das Wasser im Lauf der Zeiten eine Klippe aus dem Gestein herausgeschlagen, die an der einen oder anderen Stelle gut und gern 1,80 Meter hoch ist – kolossal. Apropos Wasser: Wenig später schauen wir endlich mal in der viel gelobten Insel-Praline vorbei, müssen aber feststellen, daß die Trinkschokolade dort nicht mit Milch zubereitet wird. Auf der Rückfahrt Richtung Norddorf erfinden wir noch schnell die Fahrradmusik: Konzert für zwei Klingeln, einen Quietschsattel und schleifende Handbremse (vorn) op. 1. Applaus gibt es leider nicht, aber als Ersatz gönnen wir uns eine kleine Stärkung im gemütlichen Teehaus Burg, wo man ja den schönsten Blick auf die Wattseite der Insel hat.

Der kalte Atem der Weltpolitik geht allerdings auch an Amrum nicht spurlos vorbei. Eigentlich wollten wir uns ja einen Vortrag von John C. Kornblum und Dieter Kronzucker anhören. Doch wegen des Bundeswehr-Angriffs auf einen Tanklaster gibt es Spannungen zwischen Washington und Berlin, und Kornblum muß nach Washington statt nach Nebel. Da hat er Pech gehabt!

Bei unserer obligatorischen Wanderung um die Nordspitze der Insel rettet Anke dann noch zwei Marienkäfer, die an der Wasserkante herumspazieren und nichts von der nassen Gefahr ahnen. Wie soll das auch gehen, wenn man praktisch kein Gehirn hat!

Und dann ist unsere Amrum-Woche auch schon wieder vorbei. Auch der Rückfahrt schauen wir noch ein paar Tage in der Schopenhauer-Stadt Lübeck vorbei. Die Zerstörungswut des 20. Jahrhunderts (also insbesondere die Architektur der 60er Jahre) konnte dem mittelalterlichen Stadtbild ja erstaunlich wenig anhaben. Wir platzen zwar mitten in die Lübecker Kartoffeltage, entscheiden uns im Hause Niederegger dann aber doch für die bekanntere Spezialität der Stadt: soviel Mandel wie möglich, sowenig Zucker wie nötig. Lecker! Im Willy-Brandt-Haus treffen wir dann noch ganz unverhofft den Basta-Kanzler, der auf dem Weg zum Blechtrommel-Jubiläum ist.

Sonntag, 16. August 2009

Rhein ins Vergnügen

Nach ziemlich genau zwei Jahren zieht es uns wieder nach Waldshut. Diesmal interessieren uns nicht die historischen, sondern die romantischen Aspekte dieses höchst unterschätzten Städtchens am Südrand unseres Landes. Und darum beginnen wir unseren Ausflug auch im fleißigen Schaffhausen in der Schweiz: Wir begeben uns auf ein Ausflugsschiff, tuckern auf dem Rhein Richtung Osten und lassen dabei das Paradies rechts liegen.

Schon nach wenigen Kilometern sind wir entzückt vom idyllischen Ufer des Flusses. Es scheint hier mehr Schwimmbäder als Orte zu geben, alle paar Minuten gleiten wir an einer Badeanstalt vorbei. Allerdings entdecken wir auch regelmäßig gut versteckte Betonbunker am waldigen Ufer: Man weiß ja nie, wann der merkwürdige Nachbar im Norden mal wieder Ärger macht, darum lassen die Eidgenossen die Relikte der 30er und 40er Jahre lieber stehen.

Während der Anfahrt auf Stein am Rhein nervt uns die ältere Dame nebenan, die für zwei Amerikanerinnen die Fahrt kommentiert. Als nächstes würden wir in "Stone on Rhein" anlegen, und die Burg oben auf dem Berg heiße "castle high blade". Vielen Dank für die Information! Stone on Rhein heißt übrigens (angeblich) so, weil die Stadt an einem ziemlich großen Stein im Rhein liegt. Oberkorrekt wäre also: Stein am Stein im Rhein. Daß es dort von der Mosterei Möhl übrigens einen milden Apfelwein gibt, der im Eichenfaß reift, ist ganz gewiß nicht dass Schlechteste, was man über den Ort sagen kann.

In einem urigen Häuschen in der knuddeligen Altstadt gönnen wir uns in Maja's Bistro ein sogenanntes Bauernhofeis (ohne Konservierungsstoffe, aber mit viel Zucker) und schlendern anschließend durch die mittelalterlichen Gassen. Dabei sehen wir hier und da ein wenig Laub auf dem Fußweg! Und vorher in Schaffhausen hatten wir ja schon Graffiti entdeckt! Wenn die Schweiz so weitermacht, ist bald alles aus. Womöglich hört die Jugend dort inzwischen auch schon Rock 'n' Roll und trägt Nietenhosen.

Nach einem Abstecher zum Rheinfall kommen wir abends müde in Waldshut an und finden gerade noch Kraft, uns Urlaubsfotos aus Island anzuschauen. Wir erfahren, daß Island ein wunderbares Reiseziel ist, wenn man die Natur liebt. Und unter "Natur" Steine, Wasser und Moos versteht.

Am nächsten Morgen wandern wir noch durch die Waldshuter Altstadt und schaffen es mal wieder nicht, im Restaurant Metropol über dem beeindruckenden Seltenbachtal einzukehren. Das Restaurant trägt übrigens einen Namen, der dem Ort vielleicht nicht in jeder Hinsicht gerecht wird.

Auf dem Rückweg schauen wir noch kurz bei Chrissie in Freiburg vorbei und stärken uns im Café am herrlichen Seepark. Ankes Ravioli sind beinahe ungenießbar, mein Schwarzwaldbecher hingegen ist ganz hervorragend. Der Prestigepreis geht allerdings an Alex, der bei weit über 30 Grad ungerührt Schnitzel mit Pommes bestellt.

Montag, 20. Juli 2009

Aber bitte mit Sahne

Sommerausflug nach Sasbachwalden! Ich will endlich mal eine echte Schwarzwälder Kirschtorte ("Schwacki") ausprobieren. Schon auf der Hinfahrt kommen mir philosophische Gedanken, ich muß ständig an Thoreau und sein Walden denken.

Und tatsächlich: Als die Kalorien im Sasbachwaldener Engel endlich auf dem Tisch stehen, offenbart sich mir plötzlich die geistliche Dimension der berühmten Süßspeise. Wäre nicht auch eine Schwarzwälder Kirchtorte denkbar? Wahrscheinlich wäre sie ja eine Art asketisches Mürbegebäck mit Salzgeschmack.

Sonntag, 19. Juli 2009

Bei den Schwaben

Ich gehöre ja zu den (sehr) wenigen Baden-Württembergern, die sich tatsächlich als Baden-Württemberger sehen. Wahrscheinlich liegt es daran, daß ich keiner bin. Aus Sicht der Ureinwohner gibt es ja schließlich nur Badener und Schwaben. Die Spannungen zwischen beiden Landeshälften sind legendär. Bis heute fühlen sich die Badener rund um die Uhr über den Tisch gezogen. So hält die halbe Welt Carl Benz für einen schwäbischen Ingenieur. Außerdem hat Stuttgart eine U-Bahn und Karlsruhe (noch) nicht – unerhört!

Ab und zu sollte man aber etwas für die Volkerverständigung tun und den Schritt über die Stammesgrenze wagen. Wir fahren also in die Landeshauptstadt und besichtigen den ersten Fernsehturm der Welt, Stuttgarts Beitrag zur Architektur der Moderne. Auf 150 Meter Höhe sind wir erst einmal ein bißchen enttäuscht: Wie bitte, Milchglasscheiben auf der Aussichtsplattform? Doch die Bausünde entpuppt sich als Hochnebel - Glück bzw. Pech gehabt! Apropos Glück: Am Fuße des Turms feiert der Qualitätsradiosender SWR4 gerade ein "Sommer"fest, doch dank des schlechten Wetters ist kaum etwas los, puh. Ein kategoriengetreuer Volksmusiksänger namens Oliver Thomas kümmert sich auf der Bühne um die musikalische Grundversorgung im Sinne des Rundfunkstaatsvertrages. Wir kümmern uns darum, daß wir möglichst schnell wegkommen.

In der Stadt machen wir eine empörend unschwäbische Erfahrung. Auf manchen Gehwegen ist hier und da ein verwelkendes Laubblatt zu sehen, wir entdecken sogar ein weggeworfenes Kaugummipapier! Hat die Schwabenmetropole Natur und Bürger nicht mehr im Griff? Sorgenvoll setzen wir uns in die sensationelle Zahnradbahn, die uns am Restaurant Wielandshöhe vorbei nach Degerloch befördert. Möglicherweise liest Vincent Klink hier ja nicht mit, aber falls doch: Verordnen Sie Ihrem Laden doch bitte mal eine akzeptable Website!

All die neuen Eindrücke haben uns hungrig gemacht, und so begeben wir uns ins schicke Goi nach Feuerbach. Gaby, Doris und Anke bestellen seriöse Menüs, aber ich entscheide mich natürlich für eine Extrawurst, nämlich das vegetarische Gericht "V8". Das hat Folgen. Beim Bezahlen versucht uns die Bedienung ganz aufgeregt klarzumachen, daß ihre Lieblingsgerichte V3, V4 und V5 seien. V8 sei aber an Muttertag das traditionelle Gericht der buddhistischen Mönche! Bzw. alle Mönche würden vegetarisch essen! Bzw. an Muttertag werden viele Vegetarier in Thailand zu Mönchen! Oder umgekehrt oder so. Wir werden aus ihren Ausführungen nicht schlau, auch wenn die Dame durchaus den einen oder anderen Brocken Deutsch spricht. Am Ende erklärt sie die verblüffte Gaby zur Stammkundin.

Schwabenland, du hast es besser!

Montag, 18. Mai 2009

Pilgerfahrt nach Maulbronn

Sonntag ist UNESCO-Tag! Jedenfalls für uns und für heute. Da ich mir ja schon seit Jahren vornehme, mal nach Maulbronn zu fahren, gondeln wir also gemütlich zum berühmten Zisterzienser-Kloster.

Auf dem Weg dorthin machen wir Station am Aalkistensee und stellen dreierlei fest:1. Der See heißt wirklich so. 2. Sein Name lädt nicht unbedingt zum Bade ein. 3. Man darf dort auch gar nicht baden. 4. Die Zahl drei ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

In Maulbronn ist dann erst einmal Staunen angesagt. Das Kloster ist wirklich erstaunlich groß, erstaunlich gut erhalten und ganz allgemein überhaupt erstaunlich: Die Zisterzienser waren ja ein Reform-Orden, der sich ganz bewußt gegen den Reichtum der Benediktiner wandte - und was fällt den Burschen in Maulbronn ein? Sie basteln sich erst mal ein neues Riesenkloster, dessen Bau über Jahrzehnte Unsummen verschlingt. Der Herrenchor (Bild) erinnert uns ungemein an die Inquisition.

Für die Rückfahrt schlage ich den effizientesten Umweg vor, den wir auf die schnelle finden können, nämlich über Unteröwisheim (sprich: Unneroise). Doch dem Ort geschieht das Schlimmste, das einem Kulturstandort mit überregionaler Bedeutung passieren kann: Wir merken es nicht einmal, als wir durchfahren.

Samstag, 9. Mai 2009

Bei den Bauern in Bayern

CSU, das ist natürlich 100 % Bayern. Bayern ist aber nicht 100 % CSU! Diese erfreuliche Ungleichung beseitigt unsere letzte Zweifel hinsichtlich eines verlängerten Ausflugs nach Oberbayern. Also los!

Auf dem Weg nach Berchtesgaden machen wir zunächst Halt am Chiemsee. Wir haben nicht unbedingt Glück mit dem Wetter, deuten aber die regnerische Stimmung mystisch um und machen eine merkwürdige Erfahrung: Bei der märchenhaften Kulisse versteht man die Skurrilitäten von Ludwig II. viel besser!

Apropos Verständis für historische Figuren. Wenig später stehen wir auf dem Obersalzberg und begreifen mit einem Mal, wie schnell sich hoch droben im Gebirg' auch ein Hanswurst für einen Weltpolitiker halten kann. Bei dem Panorama wirken selbst absurdeste militärische Fehlentscheidungen plötzlich ganz vernünftig! Natürlich hat auch unsere sehr typische Bergpension Führerblick. Direkt nebenan können wir sogar bayerische Landfrauen bei der Arbeit beobachten, siehe Bild links oben. Am Königssee machen wir natürlich das obligatorische Klischeefoto am Malerblick und begeben uns dann auf eine Salzzeitreise ins Berchtesgadener Bergwerk. Es ist ja gar nicht selbstverständlich, daß eine steinreiche Stadt mit Salz soviel Kohle macht.

Und dann geht es auch schon wieder gen Westen - wir machen einen Abstecher zu Doris & Markus ins Starnberger Land. Seen und gesehen werden, wäre das nicht ein passender Slogan für diese bemerkenswerte Gegend? Doch wir halten uns nicht mit regionalen Werbestrategien auf, sondern befassen uns gleich mit dem Wesentlichen: einem herrlichen malzigen Doppelbock im Biergarten der Klosterbrauerei Andechs. Plötzlich stehen zwei bayerische Halbstarke am Tisch und betteln unter Alkoholeinfluß um Brot. Sind Lebensmittel unter Seehofer so knapp geworden? Doch wir kommen ja aus Baden-Württemberg und teilen christlich unsere Brezn.

Entsprechend geht es tags drauf in der Wieskirche zu. Ich lausche ergriffen einem Prediger, der ganz ernsthaft vom "christlichen deutschen Strafrecht" spricht und gegen die barbarische US-Justiz wettert. In einem Nebenraum dann die Entdeckung des Tages: eine schriftlich verfaßte Fürbitte in ländlich-elegantem Stil, daß doch mit der Schuldnerberatung alles gutgehen möge! Himmel, mit welchen Trivialitäten muß man sich als Schöpfer heutzutage eigentlich noch befassen?


Unsere Reise führt uns weiter ins mittel-alterliche Füssen, wo wir ganz begeistert vom Hohen Schloß sind. Wegen des sehr mystischen Wetters wirkt es wie die Burg eines fiesen Oberschurken. Und tatsächlich: Heute sitzt dort das Finanzamt, na also! Abends im La Perla schneide ich deutlich besser ab als Anke, meine Dorade ist wirklich fantastisch. Am nächsten Morgen versuchen wir natürlich wie die 200 Millionen Besucher vor uns, Neuschwanstein ganz einzigartig zu fotografieren - mit ungewissem Erfolg. Überhaupt, das Allgäu und die Fotografie! Die ganze Gegend besteht ja praktisch ausschließlich aus Bildmotiven, weswegen oft unterschlagen wird, daß praktisch überall auch bayerisches Aroma in der Luft liegt (Jägersauce).

Ach ja, Neuschwanstein ... König Ludwig II. verstand Schloßbau ja als kostspielige Therapie, um wenigstens einige seiner Neurosen in den Griff zu bekommen. Heute würde man ihm wohl eine Playstation spendieren, er müßte sich letztlich nicht in den Starnberger See schmeißen, und alle hätten ihre Ruhe. Allerdings müßte man dann auf die vorbildlich effizienten Fließbandführungen durch das Schloß verzichten. Wir werden der Kohorte 163 zugeordnet und sind ganz erstaunt, als wir am Ende feststellen, daß unser Führungsroboter ein Mensch aus Fleisch und Blut ist!

Unsere Reise endet ganz zivil mit drei erholsamen Tagen am Alpsee bei Immenstadt.

Montag, 16. Februar 2009

Wer nicht wackt, der nicht gewinnt

Nach einem Jahr Pause schaffen wir es endlich wieder zum Salon des Vins in Strasbourg, der Leistungsschau der unabhängigen Winzer Frankreichs. Diesmal wollen wir zwei Anfängerfehler von 2007 nicht begehen: a) Völlig unsystematisch durch die riesige Halle irren. b) Zu spät beim Stand von Martin-Faudot erscheinen und keinen der feinen Savagnin-Weine mehr ergattern.

Hervorragend vorbereitet treffen wir auf dem Messegelände Wacken ein. Um der Halle Herr zu werden, gehen wir diesmal äußerst systematisch vor. Ich hatte überlegt, nur Stände mit einer Primzahl anzusteuern, aber Günther schlägt eine andere Methode vor: nur 51er-Stände! Eine goldrichtige und hochrationale Wahl, wie sich später zeigt.

Denn ganz in der Nähe von C51 stolpern wir durch einen intelligenten Regelverstoß über C40, den Stand des Châteaus La Renaudie in der Nähe von Bergerac. Irgendwie gelingt es der Patronin Mme Allamagny, uns auf Französisch die Besonderheit der Renaudie-Weine zu erläutern: vier Rebsorten in einer assemblage! Wir schlagen sofort zu - bei 9,50 Euro pro Fläschchen bleibt einem aber auch nichts anderes übrig.

Natürlich schauen wir auch bei unseren Freunden vom Château Puy Bardens (E93) vorbei und füllen unsere arg gebeutelten Vorräte auf. Die kräuterige, aber nicht krautige Cuvée Prestige kostet dank Wirtschaftskrise nur wenig mehr als 2007 (8,80 Euro) und gefällt uns immer noch viel besser als die doppelt so teuren Weine vom Schwesterweingut Château La Haye.

Auch für Heiterkeit ist zwischendurch gesorgt, unter anderem durch Gerard Weinzorn (sic!) aus Niedermorschwihr (sic!). Onomastiker, en avant!

Montag, 2. Februar 2009

Wir sind zwei Berliner

Wieder einmal geht es übers Wochenende nach Berlin. Wieder einmal entführt uns Michael gleich am ersten Tag in ein Restaurant. Und wieder einmal sind wir sehr angetan: Das Pan Asia in den Hackeschen Höfen steht ja in Berlin unter schärfstem Schickimicki-Verdacht, bleibt aber auf uns Provinzler nicht ohne Eindruck. International angehauchte asiatische Küche, und dann auch noch ohne Glutamat - man stelle sich das in Karlsruhe vor!

Samstag machen wir uns dann in aller Frühe (11 Uhr) auf den Weg in die Deutsche Kinemathek, um die Loriot-Hommage anzuschauen. Die Ausstellungsräume sind voller Besucher, die vor Bildschirmen, Zeichnungen oder Textauszügen stehen und fortwährend kichern. Wir staunen selbst über uns, daß wir die Sketche nach Jahrzehnten immer noch so witzig finden wie am ersten Tag. Die Hitchock-Schau in der Kinemathek überzeugt uns allerdings weniger, was soll denn hier überhaupt das Ausstellungsprinzip sein?

Nach einem Käffchen mit Hildebrand, der sich zufälligerweise zu Gesprächen in Berlin aufhält und uns Videos mit Supergrobi und Graf Zahl empfiehlt, trennen sich unsere Wege. Anke trifft sich mit Freunden zum Essen, ich ziehe in den Krieg: Die langgeplante Friedrich-Partie steht an! Martin spielt Preußen, Volker Schweden, Rußland und Frankreich, ich Österreich und die Reichsarmee. In bester habsburgischer Tradition schicke ich meine Generäle nach Schlesien und kündige dem Alten Fritz härteste Schläge an, muß aber ausgerechnet rund um Königgrätz fürchterliche Niederlagen einstecken. Am Ende bricht Preußen allerdings mit seiner Tradition und kapituliert. Grabesruhe ist erste Bürgerpflicht!

Sonntag schauen wir uns noch das Trivialste an, das Berlin derzeit zu bieten hat, die Koonswerke in der Neuen Nationalgalerie. Später schlendern wir am Kunstmarkt an der Museumsinsel entlang und wundern uns über die vielen leeren Verkaufstische. Ist (gar) keine Kunst am Ende die wahre Kunst?

Samstag, 27. Dezember 2008

Zwei Wochen auf der Gefängnisinsel

Kuba feiert Anfang Januar 50 Jahre Mangelwirtschaft und Lebensmittelknappheit. Da man ja inzwischen weiß, welche Folgen derartige Jubiläen haben können, schauen wir uns den real existierenden Sozialismus vorher noch einmal ausgiebig an. Wer weiß, was nach Castro kommt!

Auf dem Flughafen werden mir mit allen kubanischen Ehren empfangen: Stromausfall, alle Kofferbänder stehen still! Doch schon in unserem Hotel in Havanna erkennt man den Einfluß des Klassenfeindes: Es gibt rund um die Uhr fließendes (warmes!) Wasser und Strom. Auch kulinarisch hatte ich mir den Kommunismus schlimmer vorgestellt. Der Kaffee erinnert an guten Tagen durchaus an Kaffee, die Butter ist ab und zu sogar genießbar, und die Milch ist ... Aber wen interessiert schon Milch!

Bei unseren Streifzügen durch die malerische Altstadt lernen wir schnell die drei Hauptbeschäftigungen der Kubaner kennen: 1. Herumstehen, 2. In Dreiergruppen "Arbeit" erledigen, 3. Herumstehen und Dreiergruppen bei ihrer "Arbeit" beobachten. Überhaupt scheint die Planwirtschaft so manchen Vorzug zu besitzen. Fidel höchstselbst zum Beispiel wohnt in einer Villa im Nobelstadtteil Miramar - so macht Sozialismus Spaß!

Apropos Spaß: Schon nach 2 Tagen entdecken wir ein Restaurant, in dem man beinahe kultiviert speisen kann - La Dominica. Doch auch hier wenden die Kubaner ihre beiden Tricks an, um gute Tischstimmung wirksam zu bekämpfen: a) Zwei Sekunden, nachdem man Gabel und Messer zur Hand genommen hat, spielt eine Live-Band auf - und zwar bevorzugt Hasta siempre, Chan Chan und das ganz und gar unerträgliche Guantanamera. Als Europäer sehe ich ja ein, daß Essen und Musik wichtige menschliche Tätigkeiten sind, aber bitte doch niemals gleichzeitig! b) Zwei Sekunden, nachdem man Gabel und Messer für einen Augenblick zur Seite legt, wird gnadenlos der Tisch abgeräumt. In diesem Punkt und nur in diesem legt ganz Kuba Wert auf höchste Effizienz.

Als nächstes besuchen wir das herrliche Viñales-Tal und schauen uns dort die Cueva del Indio an. Nach dem Mittagessen zeigt unsere Reiseführerin auf ein Loch im Felsen und kündigt an: "Wenn Ihr zurück zum Bus wollt, müßt Ihr durch die Hölle gehen!" Hängen Mangelwirtschaft und christliches Purgatorium wirklich so eng zusammen? Doch am Ende entpuppt sich alles nur als phonetisches Mißverständnis. Später führt man uns noch zum Mural de la Prehistoria, die wohl schlimmsten Attraktion der Insel. Die Natur wird noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte brauchen, um diese gigantische Wandmalerei zu neutralisieren.

Am nächsten Mittag geht es mit dem Flugzeug nach Santiago de Cuba - denken wir jedenfalls. Doch wir erfahren zunächst, daß unser Flug erst am Abend geht ... und später, daß er heute ausfällt. Warum, weiß niemand. Kurzerhand werden einige Kubaner aus dem Flieger nach Holguín geworfen, so daß wir ihre Plätze erhalten. Reisende sind für das Regime Gott sei Dank stets Bürger 1. Klasse - Sozialismus ist eben immer auch Asozialismus. Von Holguín fahren wir dann mit einem Schrottbus weiter und kommen mit nur einem halben Tag Verspätung an der karibischen Küste an. All dies ist natürlich kein Grund, an den Errungenschaften der Revolution zu zweifeln!

Piraterie ist heute auf Kuba nur noch an Touristen erlaubt, früher ging es auf der Insel allerdings weitaus wilder zu. Doch Obacht: pirata non est pirata! In der Hafenfestung El Morro werden wir über den Unterschied zwischen Freibeutern, Seeräuber und anderen Lumpengesellen aufgeklärt und stoßen auch auf Jacques Jean David Nau, den wohl häßlichsten aller Piraten. Mit dem Gesicht blieb ihm aber auch gar nichts anderes übrig!

Unser Tour führt uns auf den Spuren von Fidel & Che weiter nach Norden. In jedem Dorf stoßen wir auf revolutionäre Durchhalteparolen, die Hälfte aller Kindergärten, Schulen und Imbißstuben ist nach dem "Vater der Kubaner" José Martí oder dem 1. Januar benannt. Ist in Kuba nach 1959 denn wirklich überhaupt nichts Wichtiges mehr passiert? Schließlich landen wir im Städtchen Camagüey, das zum Schutz vor Piraten wie ein Labyrinth angelegt wurde. Es ist außerdem die einzige Stadt der Welt, in der man mit dem Fahrrad in die Kirche fahren kann. Pray-In, eigentlich ja eine sehr US-amerikanische Idee! Später entdecken wir in Trinidad den einzigen kubanischen Frühstückstisch, der europäischen Ansprüchen genügen kann. Allerdings steht er in einem Museum und gehörte mal dem Zuckerbaron Brunet. Apropos Frühstück: Als ich am nächsten Morgen im Frühstücksraum ein wenig am Müslispender drehe, bricht der ganze Apparat zusammen. Anschlag auf den Apparat - wie revolutionär!

Unsere Reise endet in der Hölle von Varadero (die Hölle, das sind die anderen!). Ohne es zu wissen, hatten wir ein Superior-Zimmer gebucht. Und "superior" heißt: in unmittelbarer Nähe zum entsetzlichen Animationsbereich. Glücklicherweise können wir unser Zimmer tauschen. Am 24.12. möchte uns die Hotelbesatzung mit einem festlichen Dinner noch einmal die Überlegenheit des sozialistischen Wirtschafts-systems beweisen. Und tatsächlich: Es bilden sich sofort lange Schlangen vor dem Hotelrestaurant, q.e.d.! Aber immerhin funktioniert nun auch wieder eine der beiden Kaffeemaschinen.

Hasta la victoria siempre!

Montag, 8. Dezember 2008

In Minga samma

In der Neuen Pinakothek läuft gerade die Sonderausstellung Der weite Blick mit Bildern aus dem Amsterdamer Rijksmuseum - das ist natürlich ein schöner Anlaß, endlich mal wieder an die Isar zu fahren.

Irgendwo auf der Schwäbischen Alb machen wir Rast und entdecken sogleich den ersten Witz des Tages. Auf dem Parkplatz steht ein Bandbus mit der Aufschrift "Das Musikereignis aus Süddeutschland". Früher gab es Trompeter, Schlagzeuger, Gitarristen - heute also "Musikereignisse". Soso.

Gleich nach der Ankunft machen wir uns auf den Weg zur Neuen Pinakothek und sind auf Anhieb begeistert von den grantelnden Mitarbeitern. Das ist München! Die Ausstellung selbst ist dann bemerkenswert pädagogisch. Der Impressionismus wird als recht lineare Weiterentwicklung vorheriger Kunstströmungen gedeutet. Keine Revolution, kein Umsturz! Das ist natürlich echt bayerisch.

Ich bin ja in den letzten Monaten eher kulturpessimistisch gestimmt. Realistische Malerei fand ich immer schon trivial, Abstraktion aber zunehmend leider auch. Vielleicht läuft ja alles auf die berüchtigte Hofstadter-Kaskade hinaus: Zunächst findet man ein bestimmtes Werk zu seicht. Dann eine bestimmte Kunstrichtung. Dann die Kunst an sich. Und irgendwann sich selbst. Beim Rundgang stoßen wir immerhin auf zwei Maler, die wir noch nicht kannten: Anton Mauve und Giovanni Segantini, dessen Werke einen bemerkenswert individuellen Stil zeigen.

Kultur macht hungrig, und wir beschließen, pakistanisch essen zu gehen. Doch man kommt nur ins Restaurant, wenn man vorher klingelt. Das ist uns allerdings eine Spur zu münchnerisch. Also gehen wir ins Tresznjewski gleich nebenan, das auf seiner Karte ungewöhnlich für sich wirbt: Unter anderem würden hier "Professoren und ihre Studenten" speisen. Tief beeindruckt bestellen wir ein Sandwich und Treszis Spezialburger mit 180 Gramm Rindfleisch. Später erfahren wir, daß der Laden ein notorischer Treffpunkt der Schickeria ist. Münchnerischer geht's kaum. Und wir haben nicht mal Kir Royal geordert!

Zum Tagesabschluß treffen wir uns noch mit Sandra & Pit auf einen Kaffee irgendwo zwischen Stachus und Hauptbahnhof. Die beiden sind entgeistert: Wie könne man nur auf die Idee kommen, ausgerechnet während des Christkindlmarktes nach München zu reisen? Immerhin haben die Menschenmassen rund um den Marienplatz einen kleinen Vorteil: Auf dem Viktualienmarkt ist es vergleichsweise leer.

Samstag, 25. Oktober 2008

Ein Tag am Main

Wie üblich legen wir zum Jahresende hin einen Museumstag in Frankfurt ein. Dem ICE-Chaos zum Trotz kommen wir recht pünktlich am Main an und starten wienerisch im Alten Café Schneider. Uns gegenüber sitzt eine Mischung aus Ralph Giordano und Hans-Christian Ströbele. Der Herr bewegt sich betont langsam und wirkt dabei reichlich unzufrieden. Ein Hartz-IV-Empfänger? Nein, denn er wird plötzlich von einer Dame fotografiert. Offenbar also ein Künstler.

Nach der kleinen Stärkung machen wir uns auf dem Weg zum herrlichen Chinesischen Garten. Inzwischen kann ich ja durch keine Fußgängerzone mehr gehen, ohne sofort jeden billigen Wortwitz zu entdecken, und so stoße ich in der Zeil auf die Kanzlei von Rechtsanwalt Ralf Albern. Albern vor Gericht - ob das eine gute Strategie ist?

Als wir den Chinesischen Garten verlassen, müssen wir uns beim steinernen Drachen am Ausgang natürlich noch etwas wünschen, Ritus ist Ritus. Ich rolle die Steinkugel in seinem Maul vorschrifts- mäßig dreimal hin und her und wünsche mir inbrünstig, daß es mit dem elenden Aberglaube doch endlich einmal zu Ende gehen möge. Doch dummerweise habe ich die Kugel mit der linken Hand bewegt, das kann ja nichts werden! Übrigens steht direkt vor dem Garten ein Freiluft-Schachbrett. Schach, nicht Go - tz, tz!

Schließlich das Ziel unseres Ausflugs, die Schirn. Momentan läuft dort ja eine große Peter-Doig-Retrospektive, die man natürlich unbedingt gesehen haben muß. "Doig hat der Malerei das Atmosphärische zurückgegeben", "Bei Doig bleibt der narrative Aspekt im Ungewissen" usw. - ich kann das bald nicht mehr hören. Traut sich denn keiner zu sagen, daß auch in der Malerei heute fast alles trivial ist, weil man alles schon tausendfach an anderer Stelle gesehen hat? Bei Patenten spräche man von zu niedriger Schaffenshöhe, leider fehlt im Kunstjargon ein entsprechender Begriff. Immerhin schnappe ich im Vorbeigehen einen schönen Satz eines stirnrunzelnden Kunstkenners auf: "Wenn die Bilder eine gewisse Größe erreichen, wird der Rahmen unwichtig". In jeder Hinsicht ein wahres Wort!

Bevor wir nach Hause fahren, müssen wir endlich mal in die Touri-Pflichtgaststube, das Haus Wertheym direkt am Römer. Immerhin ist das Essen erwartungsgemäß reichhaltig.

Montag, 13. Oktober 2008

Auf dem Keschdeweg

Großes Expertentreffen in Neustadt an der Weinstraße. Christoph reist mit dem ICE aus Frankfurt an, Andree aus dem Nachbarort Mannheim und ich unbedachterweise mit den Regionalexpress aus Karlsruhe. In meinem Großraumabteil sitzen gleich mehrere pfälzische Wandergruppen, und je näher wir der Hauptstadt des Pfälzer Weins kommen, desto lauter wird der gruppeninterne Diskurs. Erleichtert steige ich in Neustadt aus.

Apropos Hauptstadt: Zufälligerweise wird in der 1a-Einkaufsstadt gerade das Deutsche Weinlesefest gefeiert, und auch Ihre Majestät Königin Marlies ist vor Ort. Doch wir sind ja überzeugte Anhänger der Republik und machen uns stolz auf den Weg zum Hambacher Schloß. Über Stock und Stein und Kastanien (immerhin befinden wir uns auf dem Keschdeweg) nähern wir uns dem Symbol der deutschen Demokratiebewegung und analysieren währenddessen fachkundig den Reich-Ranicki-Eklat. Endlich sagt mal einer, was alle anderen auch sagen!

Dann sind wir aber auch schon oben - und stehen vor verschlossenen Toren. Der Kristallisationspunkt der Freiheit ist bis Anfang November geschlossen. Aber was ist schon Freiheit im Vergleich zu einer deftigen Pfälzer Mahlzeit! Kurzentschlossen kehren wir in der Burgschänke Rittersberg gleich nebenan ein und stärken uns mit Fisch bzw. Saumagen. Die Bedienung kann uns leider nicht verraten, welche Rebsorten in unserer Cuvée P-A-N vom Weingut Stortz-Nicolaus stecken. Als sie nach einer kurzen Pause wieder am Tisch erscheint, klärt Andree sie souverän auf: Es handele sich sicher um Merlot, Cabernet Sauvignon "und einen Hauch Syrah"! Die Dame ist tief beeindruckt, doch dann gibt Andree völlig ohne Not die schönen Prestigepunkt wieder ab: Er habe die Information eben mit seinem Handy ergoogelt.

Nach ein paar weiteren Wanderkilometern beginne ich meine Muskeln zu spüren. Wir gönnen uns noch Kaffee und Kuchen in der bedrückenden Innenstadt (siehe Bild) und probieren zum Abschluß auf dem Weinlesefest noch einen sehr mageren Riesling von der Hambacher Winzergenossenschaft. In meiner rechten Wade kündigt sich inzwischen ein kolossaler Muskelkater an. Schlechter Riesling ist offenbar nicht gut für die menschliche Muskulatur.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Wipfeltreffen

Björn löst sein Geburtstagsgeschenk ein: einen Tag im Kletterpark in Kandel. Die Aufgabenteilung in unserer Gruppe ist klar: Während die anderen in 10-15 Metern Höhe herumkraxeln, soll ich von unten die peinlichsten Momente fotografisch festhalten. Angstverzerrte, schreckensbleiche Gesichter - darauf bin ich aus. Doch leider kommt erstens alles anders, und zweitens als man denkt.

Nachdem sich alle mit Helm und Klettergeschirr ausgerüstet haben, trennt sich die Gruppe. Günther wählt die Seilrutsche und damit Parcours 9. Anke, Björn und Alex sind etwas vorsichtiger und entscheiden sich für die vergleichsweise harmlose Wackelbrücke über die Straße. Keine 2 Minuten später stellen sie jedoch erschrocken fest, daß es sich um den etwas kniffligeren Parcours 11 handelt. Tja, Vorsicht ist eben nicht immer die Mutter der Porzellankiste. Sondern manchmal auch die Tante oder gar die Großnichte.

Leider wollen mir während der Kletterei nicht die gewünschten Schnappschüsse gelingen. Alle bewegen sich beeindruckend professionell und zielstrebig durchs Geäst. Meine Enttäuschung ist groß, bis nach den 3 Stunden im Kletterpark das Gespräch irgendwie auf Dekadenz kommt. Alex gelingt mit einem kleinen Satz der große Wurf: "Nur reiche Länder können es sich noch erlauben, Müll wegzumschmeißen". Ich weiß bis heute nicht, ob der Gedanke unsinnig oder genial, empirisch oder fiktiv ist, aber immerhin rettet er mir den Tag.

Nach Zwischenstationen im Litfaß und bei Carlos beschließen wir den Tag mit Sponti-Kultur: Das Tübinger Harlekin-Theater präsentiert im Jubez seine Theatersportliche Impro-Show. Am besten gefällt mir das improvisierte Shakespeare-Stück Die Enterbung über einen Ritter, der nach langer Zeit in seine Heimat zurückkehrt und der rechtmäßigen Königin wieder auf den Thron hilft. Sie weint auf shakespearischste Art und Weise, und er fragt ebenso: "Was netzest Du Dein Aug'?" Natürlich kann es auch auf der Bühne keine Spontaneität ohne perfekte Vorbereitung geben, aber das Erstaunliche ist, daß man es der Truppe praktisch nicht anmerkt.

Björns Besuch endet am Sonntag mit einem Frühstück im Cielo in Durlach. Wir erleben weder eine Enterbung noch sonstige Machtspiele zwischen Königen, dafür aber ein Drama in besonders kleinem Stil: Die Bedienung hat mir die Nutella auf den Teller gelegt, die doch eigentlich Björn bestellt hat! Man muß das Auge nur für die richtigen Probleme schärfen, dann lebt man im allgemeinen ganz hervorragend.

Sonntag, 21. September 2008

Wein und Gemüse

Die Gemeinde Siebeldingen gehört dem Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Forschungsanstalt und einen berühmten Winzer, wo der Wein sehr gut ist. Im Frühherbst lädt das Dörfchen zur kulinarischen Weinbergwanderung, und in diesem Jahr wandern wir erstmals mit.

Wir parken im Dorf und machen uns dann auf den 6 Kilometer langen Rundkurs durch die Siebeldinger Weinberge. Alle 500 Meter kann man eine Ruhepause einlegen und an Ständen die Weine der örtlichen Winzer verkosten. Wir machen allerdings erst Station im Geilweilerhof, dem Rebenforschungsinstitut des Bundes: Wissenschaft, Wein und ein reichhaltiges Menü, das ist doch eine überzeugende Kombination. Nach einem saftigen Gulasch vom Pfälzer Reh besichtigen wir das Labor und staunen, daß bei der Führung sorgsam das Wort "Gentechnik" vermieden wird. Da müssen wir natürlich gleich nachfragen und stoßen auf einen wunden Punkt. Man hat im Geilweilerhof offenbar nicht die besten Erfahrungen mit dem Wissenschaftsverständnis von Volk und Politik gemacht. "Ach, die Frau Künast!"

Eine halbe Stunde später schauen wir noch beim Weingut Ökonomierat Rebholz vorbei, laut Gault-Millau ja der beste Winzer der Pfalz. Der ausgeschenkte Spätburgunder hat sicher viel Holz gesehen, aber ist er so viel besser als die vielen anderen guten Spätburgunder? Dasselbe beim Gewürztraminer: sehr schön sortentypisch und elegant, aber herausragend? Vielleicht sollten die Gault-Millau-Leute mal konsequent die Blindverkostung einführen.

Ein so gesunder Tag kann natürlich nur vitaminreich ausklingen. Zufälligerweise spielt ausgerechnet heute das Wiener Gemüseorchester im Nationaltheater Mannheim, und wir erleben ein außergewöhnliches Konzert. Die Stücke sind stark perkussiv geprägt, und beim Song Krautrock fliegen buchstäblich die (Kohl-)Fetzen, wow. Nach einer Stunde ist die Bühne voller Gemüseabfälle, und wir stellen uns die bange Frage: Ob das Gemüseorchester wohl jemals von Bob Geldof zu einem Live-Aid-Konzert eingeladen wird?