Denkmäler beleidigen
Formal noch nicht ganz ausgereift, aber doch schon ganz eindeutig Kunst. Chapeau! Wunderbar absurd ist auch die Beleidigung des Deutschen Ecks.
Dies und das | Bemerkenswerte Nebensächlichkeiten | Spezialitäten aller Art
Formal noch nicht ganz ausgereift, aber doch schon ganz eindeutig Kunst. Chapeau! Wunderbar absurd ist auch die Beleidigung des Deutschen Ecks.
Themen: Kultur, Plaisanterie
Die HAZ gehört bekanntlich zu den besten Zeitungen im ganzen Stadtgebiet von Hannover. In einem angenehm trivialen HAZ-Artikel über Timm Ulrichs bin ich nun über zwei fabelhafte Begriffe gestoßen: "Totalkünstler" und "Universaldilettant". Schade, die Wortideen hätte ich gern selbst gehabt.
Themen: Kultur, Text und Stil
"Er [Schlingensief] redet entweder über seine Krankheit oder durchgehend Blödsinn. Der Mann ist ja auch vollkommen ungebildet. Er redet immer über das, was ihm ein Pfarrer oder irgendjemand tags davor erzählt hat."
Themen: Kultur, Text und Stil, Weise Worte
Noch bis Ende Januar läuft die Ausstellung Art and Illusions im Palazzo Strozzi in Florenz. Wir fahren auf den letzten Drücker hin und können schon eine halbe Stunde nach unserer Landung nachweisen, daß Italianità das Gegenteil von Swissness ist. Und zwar so: Am Bahnhof fragen wir zwei Busfahrer, ob unsere Zielhaltestelle auf ihrer Route liegt. Beide wissen es nicht. Daraufhin steigen wir unerschrocken in den dritten Bus und stellen einem Passagier dieselbe Frage. Auch er hat keine Ahnung, fragt aber einen weiteren Fahrgast ... und dieser einen weiteren ... und so weiter. Nach wenigen Sekunden diskutiert der ganze Bus lustvoll mit, ohne daß wir der Antwort näher kommen. Schließlich empfiehlt man uns den Ausstieg an einer letzlich falschen Haltestelle. Bella Italia!
Apropos Busbahnhof: Zunächst sind wir erschrocken angesichts des jämmerlichen Zustands des Wartebereichs. Später erfahren wir staunend, daß das verfallene Areal Kunst ist, absichtsvoll angelegt wurde und an verlassene Bastionen erinnern soll. Ein Interpretationsprinzip, von dem auch die eine oder andere deutsche Innenstadt lernen kann!
Am nächsten Tag natürlich erst einmal Pflichtprogramm: Dom bleibt Dom, da helfen keine Pillen. Während des Aufstiegs zu der in vielfacher Hinsicht bemerkenswerten Kuppel stoßen wir mehrfach auf Warnschilder mit dem Hinweis "Do not write on the walls" - natürlich jeweils an den wenigen Stellen, die noch nicht bekritzelt sind. Hofstadterissimo! Dann geht es in den Strozzi-Palast. Gleich hinter dem Eingang ärgert sich Anke über eine dreiste Dame, die ihr die Sicht vor einem Bild versperrt. Sie tippt ihr auf die Schulter ... und löst damit einen Alarm aus, denn bei der Dame handelt es sich um die Skulptur Woman with Child in Stroller von Duane Hanson. Besser kann eine Ausstellung über optische Täuschungen ja wohl nicht beginnen! Ich bleibe am Gemälde Artnica von Jacques Poirier hängen, das mich merkwürdig berührt, obwohl bzw. wahrscheinlich weil es so trivial ist. Im Museumscafé sind wir sehr beeindruckt von der Lampe Venti Volte des Berliners Markus Bader.
"Farsi avanti" - die Bedeutung dieses Konzepts lernt man von den Italienern sehr schnell. Erstaunlicherweise müssen wir uns bei den Uffizien aber nicht vordrängeln, weil praktisch niemand außer uns in die Ausstellung möchte. Schon nach wenigen Minuten stehen wir also in der ehrfurchtgebietenden Kunstsammlung. Hier wird ja hervorragend dargestellt, daß das Abendland nur etwa 1.500 Jahre brauchte, um den zerstörerischen Einfluß des Christentums auf Geist & Vorstellungskraft zu neutralisieren. Apropos Vorstellungskraft: Nach einigen Stunden Kunstgenuß stärken wir uns im Café Rivoir, wo die Kellner unvorstellbar hochnäsig sind.
Am nächsten Tag geht es mit dem Zug nach Lucca. Das Bahnwesen ist in Italien ja auf einem deutlich höheren Niveau als zum Beispiel in Ägypten. So holt unser Zug laut Ansage innerhalb von nur 5 Minuten eine Verspätung von 13 Minuten auf. Chapeau! In Lucca schlürfen wir zufällig den besten Espresso, auf den wir jemals stießen, und dann auch noch in einer Bar, die bemerkenswert banal Moka Bar heißt.
Während der Weiterfahrt nach Pisa bleibt unser Zug plötzlich auf offener Strecke stehen. Keiner weiß, warum, aber alle Fahrgäste reden fleißig mit. Irgendwie kommen wir aber doch noch an und begeben uns sogleich zum berühmten Campanile. Galileo Galilei hat hier ja vor mehr als 400 Jahren angeblich die Naturwissenschaft erfunden, aber warum hat er in der wundersamen Wendeltreppe eigentlich nicht gleich das Prinzip der modernen Achterbahn dazuentdeckt?
Aus einer Amazon-Rezension der Verfilmung von The Importance of Being Earnest:
"Aufgrund der hochkarätigen Besetzung habe ich mehr von diesem Film erwartet. Nur mit Mühe habe ich ihn zu Ende gesehen, dabei bin ich ein großer Jane-Austen-Fan und liebe Filme aus diesem Metier. Diesen allerdings kann man sich gut schenken. Pure Zeitverschwendung."
Themen: Kultur, Plaisanterie
Johann König tritt mit seinem Programm Total Bock auf Remmi Demmi in der Badnerlandhalle auf und macht fast zweieinhalb Stunden lang gute Witze. Eine tragische Miniatur wird unvergessen bleiben:
Ich sense durch das Gras. Aus Spaß.
Ein Frosch verweilt – zerteilt.
Themen: Kultur
Nach langen zwei Jahren gönnen wir uns endlich mal wieder ein Wochenende in Luzern. Der Monat spricht natürlich dagegen, aber leider findet das Piano-Festival nun mal stets im November statt. Wir steigen also in die Bahn und machen uns auf den Weg in die Schweiz.
Nach dem Umstieg im Schweizer Bahnhof in Basel wollen wir unsere Plätze einnehmen, doch der Herr am Fenster will einfach nicht weichen. Das Prinzip der Reservierung scheint ihm nicht geläufig zu sein. Es geht ein bißchen hin und her, dann haben die – eigentlich unbeteiligten – Damen gegenüber ein Einsehen und machen ihre Plätze für den Herrn frei, damit wir uns auf unsere Plätze setzen können. Uns ist diese eidgenössische Höflichkeit ein bißchen peinlich, aber der dreiste Herr fühlt sich pudelwohl. Andere Länder, andere Unsitten.
Auf dem Weg zum Hotel staunen wir über den neuesten Luzerner Freizeittrend: Fahrräder werden in die Reuss geworfen, bleiben dort eine Weile liegen, wieder herausgeholt und dann erneut hineingeschmissen. Offenbar eine kultische Handlung, die sich Außenstehenden nicht erschließt, aber immerhin ein wenig an das deutsche Regietheater erinnert! Inspiriert beziehen wir unser wunderbar altmodisches Hotelzimmer mit Blick auf den Pilatus, der ja im Prinzip ein Emmentaler, aber alles andere als Käse ist. Beim Frühstücksbüfett entdecke ich zum ersten Mal Ovomaltine-Brotaufstrich und bin etwas enttäuscht: Nutella mit Knusperstückchen, muß das sein?
Doch für weitere Überlegungen bleibt keine Zeit, schließlich müssen wir den stolzen Ozeanriesen erreichen, mit dem wir über den Vierwaldstätter See zum Rütli schippern wollen. Dort erleben wir dann das wohl unspektakulärste Nationalheiligtum der Welt. Die Ehrenwache des historischen Ortes wird von sorgfältig ausgewählten Schafen gebildet, deren zahlreichen Hinterlassenschaften man auf dem Rasen leider nur schwer ausweichen kann. Kein Wunder, daß Wilhelm Tell damals hier nicht mitgeschworen hat.
Am frühen Abend lauschen wir dann dem Spiel Maurizio Pollinis im KKL (in dessen Foyer es in diesem Jahr mehr Gäste als Sicherheitsleute gibt, erstaunlich!). Beethovens Sturm-Sonate und die Appassionata bringt Pollini für meinen Geschmack ein wenig fad auf die Tasten, aber in Schumanns Fantasie op. 17 entzündet er ein Feuerwerk der Dynamik (auch wenn die NZZ nicht begeistert war). Den gelungenen Tag beschließen wir in der gemütlichen Rathaus Brauerei, wo ich das Rathaus-Bock empfehlen kann (Anke das normale Rathaus-Bier aber weniger).
Am Sonntag schließlich wollen wir mit der Pilatusbahn ganz nach oben. Auf dem Gipfel in rund 2.100 Metern Höhe weht es uns frisch um die Ohren, doch die Aussicht entschädigt für alles.
Themen: Fazit: höchst erfreulich, Kultur, Reise
Jahresherbstausflug nach Frankfurt. Unser Ziel ist das Städel, in dem gerade eine umjubelte Botticelli-Ausstellung läuft. Doch am Eingang kommen mir angesichts der Besucherschlange Zweifel: rein oder nicht rein? Die kulturignorante Antwort lautet: nicht rein. Und so wandern wir Herren ins Holbein's, um wenigstens italienische Kaffeespezialitäten zu genießen, während sich die Damen der Kulturrezeption widmen.
Später schauen wir noch bei Gaby & Bernd vorbei, wo mir Bernd das Bier des Jahres vorsetzt: ein Schlappeseppel. Immerhin aus hefekultureller Sicht also ein gelungener Tag!
Themen: Essen und Trinken, Kultur, Reise
Eben kurzer Chat mit der Gräfin. Sie legt mir dringend den Taubenvergrämer ans Herz. Ich verspreche ihr, die Seite zu bookmarken.
"Bookmarken". Klingt inzwischen außerordentlich altmodisch, oder? Ist es in Zeiten von Twitter, Facebook & Co. schon reaktionär, wenn man ein Lesezeichen anlegt?
Themen: Kultur
Besuch in der Fürstlichen Grabkapelle. Sie liegt im Fasanengarten – und in ihr 17 Zähringer. Normalerweise ist die Kapelle nicht zur Besichtigung geöffnet, weil das Haus Baden es nicht möchte. Aber Moment mal – wird der Gebäudebetrieb nicht vom Land Baden-Württemberg finanziert? Darf das Land also nicht entscheiden, wann es die Türen öffnet und wann nicht? Aber wenn es ums Geld geht, drück das Ländle ja gern mal beide Augen zu.
Zwischen den Kenotaphen fällt uns vor allem eines auf: Es ist ganz schön kalt und muffig hier.
Themen: Kultur

Richard Wiseman ist vielleicht nicht der einzige, aber sicher der bekannteste Quirkologe der Welt. In seiner neuesten Massenstudie möchte er nun herausfinden, wodurch Menschen glücklich werden. Jeder kann teilnehmen!
Hier ein schon etwas älterer, aber immer noch hervorragender Artikel von Richard Layard zum Thema.
Themen: Kultur, Wissenschaft und Technik
Nun ist es also geschehen. Ein Dreivierteljahr nach der denkwürdigen Ausstellung Wehret den Anfängern hat der Künstler wegen des großen Mißerfolgs die trivialsten Werke der Kunstschau online gestellt - also alle.
In der Rückschau erinnere ich mich vor allem an zweierlei: die angenehme Absurdität der ganzen Veranstaltung und die Persönlichkeiten, die damals "ganz ausdrücklich" (O-Ton) nicht erschienen sind: der Bundespräsident, Klaus Staeck und Jim Rakete.
Eine Wegmarke, die aufgrund ihrer beeindruckenden Irrelevanz unvergessen bleiben wird.
PS: Man beachte die Aktion Akademikerfreundlicher Nah- und Fernverkehr!
Themen: Fazit: höchst erfreulich, Kultur
Wieder einmal geht es übers Wochenende nach Berlin. Wieder einmal entführt uns Michael gleich am ersten Tag in ein Restaurant. Und wieder einmal sind wir sehr angetan: Das Pan Asia in den Hackeschen Höfen steht ja in Berlin unter schärfstem Schickimicki-Verdacht, bleibt aber auf uns Provinzler nicht ohne Eindruck. International angehauchte asiatische Küche, und dann auch noch ohne Glutamat - man stelle sich das in Karlsruhe vor!
Samstag machen wir uns dann in aller Frühe (11 Uhr) auf den Weg in die Deutsche Kinemathek, um die Loriot-Hommage anzuschauen. Die Ausstellungsräume sind voller Besucher, die vor Bildschirmen, Zeichnungen oder Textauszügen stehen und fortwährend kichern. Wir staunen selbst über uns, daß wir die Sketche nach Jahrzehnten immer noch so witzig finden wie am ersten Tag. Die Hitchock-Schau in der Kinemathek überzeugt uns allerdings weniger, was soll denn hier überhaupt das Ausstellungsprinzip sein?
Nach einem Käffchen mit Hildebrand, der sich zufälligerweise zu Gesprächen in Berlin aufhält und uns Videos mit Supergrobi und Graf Zahl empfiehlt, trennen sich unsere Wege. Anke trifft sich mit Freunden zum Essen, ich ziehe in den Krieg: Die langgeplante Friedrich-Partie steht an! Martin spielt Preußen, Volker Schweden, Rußland und Frankreich, ich Österreich und die Reichsarmee. In bester habsburgischer Tradition schicke ich meine Generäle nach Schlesien und kündige dem Alten Fritz härteste Schläge an, muß aber ausgerechnet rund um Königgrätz fürchterliche Niederlagen einstecken. Am Ende bricht Preußen allerdings mit seiner Tradition und kapituliert. Grabesruhe ist erste Bürgerpflicht!
Sonntag schauen wir uns noch das Trivialste an, das Berlin derzeit zu bieten hat, die Koonswerke in der Neuen Nationalgalerie. Später schlendern wir am Kunstmarkt an der Museumsinsel entlang und wundern uns über die vielen leeren Verkaufstische. Ist (gar) keine Kunst am Ende die wahre Kunst?
Themen: Essen und Trinken, Kultur, Reise
Das mit großem Abstand trivialste Bild der gesamten Neuen Pinakothek befindet sich übrigens in Saal 21a. Es heißt Rosse des Neptun und stammt von Walter Crane.
Themen: Kultur
In der Neuen Pinakothek läuft gerade die Sonderausstellung Der weite Blick mit Bildern aus dem Amsterdamer Rijksmuseum - das ist natürlich ein schöner Anlaß, endlich mal wieder an die Isar zu fahren.
Irgendwo auf der Schwäbischen Alb machen wir Rast und entdecken sogleich den ersten Witz des Tages. Auf dem Parkplatz steht ein Bandbus mit der Aufschrift "Das Musikereignis aus Süddeutschland". Früher gab es Trompeter, Schlagzeuger, Gitarristen - heute also "Musikereignisse". Soso.
Gleich nach der Ankunft machen wir uns auf den Weg zur Neuen Pinakothek und sind auf Anhieb begeistert von den grantelnden Mitarbeitern. Das ist München! Die Ausstellung selbst ist dann bemerkenswert pädagogisch. Der Impressionismus wird als recht lineare Weiterentwicklung vorheriger Kunstströmungen gedeutet. Keine Revolution, kein Umsturz! Das ist natürlich echt bayerisch.
Ich bin ja in den letzten Monaten eher kulturpessimistisch gestimmt. Realistische Malerei fand ich immer schon trivial, Abstraktion aber zunehmend leider auch. Vielleicht läuft ja alles auf die berüchtigte Hofstadter-Kaskade hinaus: Zunächst findet man ein bestimmtes Werk zu seicht. Dann eine bestimmte Kunstrichtung. Dann die Kunst an sich. Und irgendwann sich selbst. Beim Rundgang stoßen wir immerhin auf zwei Maler, die wir noch nicht kannten: Anton Mauve und Giovanni Segantini, dessen Werke einen bemerkenswert individuellen Stil zeigen.
Kultur macht hungrig, und wir beschließen, pakistanisch essen zu gehen. Doch man kommt nur ins Restaurant, wenn man vorher klingelt. Das ist uns allerdings eine Spur zu münchnerisch. Also gehen wir ins Tresznjewski gleich nebenan, das auf seiner Karte ungewöhnlich für sich wirbt: Unter anderem würden hier "Professoren und ihre Studenten" speisen. Tief beeindruckt bestellen wir ein Sandwich und Treszis Spezialburger mit 180 Gramm Rindfleisch. Später erfahren wir, daß der Laden ein notorischer Treffpunkt der Schickeria ist. Münchnerischer geht's kaum. Und wir haben nicht mal Kir Royal geordert!
Zum Tagesabschluß treffen wir uns noch mit Sandra & Pit auf einen Kaffee irgendwo zwischen Stachus und Hauptbahnhof. Die beiden sind entgeistert: Wie könne man nur auf die Idee kommen, ausgerechnet während des Christkindlmarktes nach München zu reisen? Immerhin haben die Menschenmassen rund um den Marienplatz einen kleinen Vorteil: Auf dem Viktualienmarkt ist es vergleichsweise leer.
Dank der unermüdlichen Anstrengungen unserer Kommunalpolitiker ist Karlsruhe eine Stadt, die sich bestens mit absurdem Theater auskennt. Doch wenn wirklich mal Warten auf Godot auf die Bühne gebracht wird, sollte man sich das natürlich trotzdem ansehen. Also ab auf/in die Insel, die Spielstätte des Badischen Staatstheaters für moderne Bühnenstücke.
Als treuer Hofstadter-Jünger hatte ich ja wirklich beinahe jahrzehntelang darauf gewartet(!), Warten auf Godot zu sehen, und beinahe ebensolang hatte ich der Versuchung widerstanden, das Stück zu lesen. Und ich muß sagen: Es hat sich gelohnt. Als alter Kantianer besitzt man natürlich automatisch eine gewisse Abneigung gegenüber allen Kunstformen und -werken, die irgendwelchen Zwecken folgen, doch diese Gefahr besteht bei absurden Theater natürlich in keinster Weise.
Und dennoch haben unzählige Theaterfreunde versucht, einen höheren Sinn oder eine Aussage im Stück zu finden. Beckett kannte ja seine Pappenheimer und hat gemeinerweise eine ganze Reihe von Interpretationssackgassen eingebaut, in die sich jeder zweite Kritiker natürlich gern verrennt - er selbst sah keinen Sinngehalt. Ich bin aber der Meinung, daß es eben doch eine Person gibt, die genau weiß, worin die Aussage des Stückes liegt: Godot selbst. Man muß ihn nur fragen, sobald er vorbeikommt. Ganz bestimmt morgen!
Die Aufführung selbst ist überraschend dicht und ohne größere Längen, keine ganz schlechte Leistung bei der Textvorlage. Die fünf Schauspieler überzeugen allesamt durch angenehme Absurdität. Zum Schluß noch eine feine Regieidee - sechs(!) Schauspieler verbeugen sich vor dem Publikum!
PS: Leider hatten wir diese Idee, nicht Regisseur Donald Berkenhoff. Ob das schon mal jemand so inszeniert hat? Und die große Preisfrage: Würde das Stück dadurch absurder oder realer?
Themen: Kultur
Es ist wie bei Verdi und ver.di: Immer wenn ich an Schillers Maria Stuart denke, kommt mir seit letztem Jahr unfairerweise Elfriede Jelinek in den Sinn. Gerade vor dem Hintergrund von Schillers ästhetischer Theorie höchst unbefriedigend, aber leider wohl auf absehbare Zeit nicht zu ändern.
Sei's drum - wir wagen uns trotzdem in die Maria-Stuart-Aufführung im Badischen Staatstheater. Die Inszenierung von Boris von Poser ist nicht katastrophal, aber: Muß man im Theater denn immer zusätzliche Symbolik in die Stücke stopfen? Maria spielt praktisch die ganze Zeit aus einem Glaskäfig heraus, O.K. Doch warum muß auch Mortimer anfangs und zwischendurch unbedingt immer wieder in einem Kasten stecken? Klar, er ist im eigenen Glauben gefangen. Der Regisseur kann sich meinetwegen auch gern im stillen darüber freuen, daß er diese interpretatorische Entdeckung gemacht hat, aber er möge doch bitte das Publikum mit derartigen Trivialhinweisen verschonen. Und dann auch noch das: Plötzlich geht ein Alarmton los, als Maria den Käfig berührt. Die blödeste Idee des Jahres, Respekt!
Immerhin verbeugen sich am Ende des Stückes zwei Königinnen vor uns, das versöhnt natürlich. Und ich nehme einen herrlichen Satz von Amias Paulet mit, der sich durchaus als Leitmotiv jedes Dienstleistungsberufs eignet: "Gehorsam ist meine ganze Klugheit".
Auf dem Heimweg entdeckte ich neben der Evangelischen Stadtkirche noch ein schönes Plakat: Der grüne Gockel - für eine umweltfreundliche Kirche! Das sind doch mal gute Nachrichten: Allein schon aus Klimaüberlegungen sind Scheiterhaufen für die Kirche heute einfach keine Option mehr, die CO2-Emissionen der Ketzer und Häretiker würden uns ja in Teufels Küche bringen!
Themen: Kultur
Wie üblich legen wir zum Jahresende hin einen Museumstag in Frankfurt ein. Dem ICE-Chaos zum Trotz kommen wir recht pünktlich am Main an und starten wienerisch im Alten Café Schneider. Uns gegenüber sitzt eine Mischung aus Ralph Giordano und Hans-Christian Ströbele. Der Herr bewegt sich betont langsam und wirkt dabei reichlich unzufrieden. Ein Hartz-IV-Empfänger? Nein, denn er wird plötzlich von einer Dame fotografiert. Offenbar also ein Künstler.
Nach der kleinen Stärkung machen wir uns auf dem Weg zum herrlichen Chinesischen Garten. Inzwischen kann ich ja durch keine Fußgängerzone mehr gehen, ohne sofort jeden billigen Wortwitz zu entdecken, und so stoße ich in der Zeil auf die Kanzlei von Rechtsanwalt Ralf Albern. Albern vor Gericht - ob das eine gute Strategie ist?Als wir den Chinesischen Garten verlassen, müssen wir uns beim steinernen Drachen am Ausgang natürlich noch etwas wünschen, Ritus ist Ritus. Ich rolle die Steinkugel in seinem Maul vorschrifts- mäßig dreimal hin und her und wünsche mir inbrünstig, daß es mit dem elenden Aberglaube doch endlich einmal zu Ende gehen möge. Doch dummerweise habe ich die Kugel mit der linken Hand bewegt, das kann ja nichts werden! Übrigens steht direkt vor dem Garten ein Freiluft-Schachbrett. Schach, nicht Go - tz, tz!
Schließlich das Ziel unseres Ausflugs, die Schirn. Momentan läuft dort ja eine große Peter-Doig-Retrospektive, die man natürlich unbedingt gesehen haben muß. "Doig hat der Malerei das Atmosphärische zurückgegeben", "Bei Doig bleibt der narrative Aspekt im Ungewissen" usw. - ich kann das bald nicht mehr hören. Traut sich denn keiner zu sagen, daß auch in der Malerei heute fast alles trivial ist, weil man alles schon tausendfach an anderer Stelle gesehen hat? Bei Patenten spräche man von zu niedriger Schaffenshöhe, leider fehlt im Kunstjargon ein entsprechender Begriff. Immerhin schnappe ich im Vorbeigehen einen schönen Satz eines stirnrunzelnden Kunstkenners auf: "Wenn die Bilder eine gewisse Größe erreichen, wird der Rahmen unwichtig". In jeder Hinsicht ein wahres Wort!
Bevor wir nach Hause fahren, müssen wir endlich mal in die Touri-Pflichtgaststube, das Haus Wertheym direkt am Römer. Immerhin ist das Essen erwartungsgemäß reichhaltig.
Themen: Essen und Trinken, Kultur, Reise
Björn löst sein Geburtstagsgeschenk ein: einen Tag im Kletterpark in Kandel. Die Aufgabenteilung in unserer Gruppe ist klar: Während die anderen in 10-15 Metern Höhe herumkraxeln, soll ich von unten die peinlichsten Momente fotografisch festhalten. Angstverzerrte, schreckensbleiche Gesichter - darauf bin ich aus. Doch leider kommt erstens alles anders, und zweitens als man denkt.
Nachdem sich alle mit Helm und Klettergeschirr ausgerüstet haben, trennt sich die Gruppe. Günther wählt die Seilrutsche und damit Parcours 9. Anke, Björn und Alex sind etwas vorsichtiger und entscheiden sich für die vergleichsweise harmlose Wackelbrücke über die Straße. Keine 2 Minuten später stellen sie jedoch erschrocken fest, daß es sich um den etwas kniffligeren Parcours 11 handelt. Tja, Vorsicht ist eben nicht immer die Mutter der Porzellankiste. Sondern manchmal auch die Tante oder gar die Großnichte.
Leider wollen mir während der Kletterei nicht die gewünschten Schnappschüsse gelingen. Alle bewegen sich beeindruckend professionell und zielstrebig durchs Geäst. Meine Enttäuschung ist groß, bis nach den 3 Stunden im Kletterpark das Gespräch irgendwie auf Dekadenz kommt. Alex gelingt mit einem kleinen Satz der große Wurf: "Nur reiche Länder können es sich noch erlauben, Müll wegzumschmeißen". Ich weiß bis heute nicht, ob der Gedanke unsinnig oder genial, empirisch oder fiktiv ist, aber immerhin rettet er mir den Tag.
Nach Zwischenstationen im Litfaß und bei Carlos beschließen wir den Tag mit Sponti-Kultur: Das Tübinger Harlekin-Theater präsentiert im Jubez seine Theatersportliche Impro-Show. Am besten gefällt mir das improvisierte Shakespeare-Stück Die Enterbung über einen Ritter, der nach langer Zeit in seine Heimat zurückkehrt und der rechtmäßigen Königin wieder auf den Thron hilft. Sie weint auf shakespearischste Art und Weise, und er fragt ebenso: "Was netzest Du Dein Aug'?" Natürlich kann es auch auf der Bühne keine Spontaneität ohne perfekte Vorbereitung geben, aber das Erstaunliche ist, daß man es der Truppe praktisch nicht anmerkt.
Björns Besuch endet am Sonntag mit einem Frühstück im Cielo in Durlach. Wir erleben weder eine Enterbung noch sonstige Machtspiele zwischen Königen, dafür aber ein Drama in besonders kleinem Stil: Die Bedienung hat mir die Nutella auf den Teller gelegt, die doch eigentlich Björn bestellt hat! Man muß das Auge nur für die richtigen Probleme schärfen, dann lebt man im allgemeinen ganz hervorragend.
In der langen Reihe schlechter und sehr schlechter Online-Angebote deutscher Tageszeitungen ist welt.de gar nicht mal Träger der roten Laterne. Und doch hat sich die Redaktion vor ein paar Wochen einen derben Schnitzer geleistet: Zur Schlagzeile "Ankepetra Müntefering erliegt Krebsleiden" bildeten die Springer-Redakteure einen herzhaft lachenden Franz Müntefering ab.
Wie kann man nur auf eine solch erbärmliche Idee kommen? Natürlich sind Bildstrecken bei Online-Medien heute beliebt, weil sie wenig kosten und viele Klicks bringen. Doch es muß doch auch mal eine Grenze geben.
Wird denn gar nichts mehr geprüft, kein Artikel mehr gegengelesen?