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Mittwoch, 27. Januar 2010

Das Akademische Quartett

Der Weltverbesserungsclub tagt in Karlsruhe. Schon bei der Anfahrt der Berliner Mitglieder gibt es Diskussionsbedarf, Martin schickt nämlich eine ETA per SMS. Entweder fährt er also extrem selten Bahn, oder er steht ihr außerordentlich wohlwollend gegenüber. Doch rätselhafterweise kommen die beiden überaus pünktlich an. Der Spaß kann beginnen!

Nach den üblichen theoretischen Erörterungen praktisch völlig unerheblicher  Fragen wagen wir uns an das Kartenspiel Keltis, eine Bearbeitung des Klassikers Lost Cities. Erwartungsgemäß spielt uns Lost-Cities-Weltrekordhalter Bernhard munter in Grund und Boden. Später kommt das Gespräch auf Grundsätze, die man unbedingt einhalten sollte, wenn man einen Atomkrieg führen und nicht als Hauptverlierer vom Platz gehen möchte. An der Trainingssoftware DEFCON gefällt mir ja vor allem folgende herrlich zurückhaltende Bildunterschrift: Europe gravely miscalculates the strength of their alliance. Am Abend stößt Presseattaché Frank dazu, und wir fahren ins 3 Mohren nach Kandel. Wie immer werden mit exklusivster Ausrüstung fotografische Dokumente der gebratenen Gockel angefertigt, wahrscheinlich zum Verblüffen der anderen Gäste.

Sonntag früh treffen wir uns zur Lagebesprechung im Cielo. Aus unbekannten Gründen beginnen Martin und Frank trotz des guten Milchkaffees eine leidenschaftliche Diskussion der Lage der deutschen Sprache. Martin hält klare Sprachregeln für unbedingt nötig, Frank für unbedingt überflüssig, und Bernhard vertritt wegen der großen Bedeutung der Fragestellung vehement beide Positionen. Ich hingegen bin wie immer neutral, selbst gegenüber meiner Neutralität.

Am späten Nachmittag gewinnt allmählich ein ungeheurer Gedanke an Gestalt: noch ein zweites Mal Hähnchenfuttern in der Pfalz? Wegen großen Hungers fragen wir vorab telefonisch an, wie lange wir wohl auf unsere Gockel warten müssen: "20 Minuten!" Und tatsächlich: Nur rund 50 Minuten nach unserer Ankunft im 3 Mohren stehen die Teller auf dem Tisch. Dafür verrät man uns aber zum Abschied, daß der Rekord bei neun(!) halben Hähnchen für einen einzigen Gast liegt.

Montag, 23. November 2009

Muß i denn, muß i denn ins Städele hinein?

Jahresherbstausflug nach Frankfurt. Unser Ziel ist das Städel, in dem gerade eine umjubelte Botticelli-Ausstellung läuft. Doch am Eingang kommen mir angesichts der Besucherschlange Zweifel: rein oder nicht rein? Die kulturignorante Antwort lautet: nicht rein. Und so wandern wir Herren ins Holbein's, um wenigstens italienische Kaffeespezialitäten zu genießen, während sich die Damen der Kulturrezeption widmen.

Später schauen wir noch bei Gaby & Bernd vorbei, wo mir Bernd das Bier des Jahres vorsetzt: ein Schlappeseppel. Immerhin aus hefekultureller Sicht also ein gelungener Tag!

Sonntag, 8. November 2009

Schotten dicht

Jahrestasting bei Fred. Im letzten Jahr hatte sich unsere Expertenrunde nach einer strengen Blindverkostung ja ausgerechnet für einen Standardwhisky entschieden, den man heute rund um die Uhr an jeder Tankstelle bekommt. In diesem Jahr soll unser Urteil natürlich deutlich fachlicher ausfallen.

Da die Teilnehmer viel zu viele Whiskys mitgebracht haben, trifft Versuchsleiter Jörg eine zufällige Vorauswahl und bringt die Flaschen in eine Reihenfolge, die sich später als äußerst durchdacht erweist. Bekanntlich ist eine systematische Vorbereitung unabdingbar für Spontaneität, aber offenbar ist Spontaneität zugleich auch die ideale Vorbereitung!

Nach vier anstrengenden Stunden ist sich die Runde einig. Die Nummer 4 wird Tagessieger - komplexe Frucht, Rumtopf-Noten, zugleich aber angenehm weich. The winner is ... Glenlivet 18 Years. Wieder ein Tropfen aus einer Großbrennerei, wie unfachlich. Doch zu unserer Ehrenrettung entdecken wir immerhin auch zwei Geheimtips: einen Penderyn (aus Wales) sowie den ziemlich scharfen Aberlour a'bunadh in Faßstärke.

Freitag, 28. August 2009

Weise Worte (6)

"Die meisten deutschen Weine sind immer langweilig gewesen, wenn auch auf eine andere Weise als langweilige spanische, französische oder australische Weine."

Hugh Johnson in einem Gespräch mit der Welt

Montag, 20. Juli 2009

Aber bitte mit Sahne

Sommerausflug nach Sasbachwalden! Ich will endlich mal eine echte Schwarzwälder Kirschtorte ("Schwacki") ausprobieren. Schon auf der Hinfahrt kommen mir philosophische Gedanken, ich muß ständig an Thoreau und sein Walden denken.

Und tatsächlich: Als die Kalorien im Sasbachwaldener Engel endlich auf dem Tisch stehen, offenbart sich mir plötzlich die geistliche Dimension der berühmten Süßspeise. Wäre nicht auch eine Schwarzwälder Kirchtorte denkbar? Wahrscheinlich wäre sie ja eine Art asketisches Mürbegebäck mit Salzgeschmack.

Sonntag, 19. Juli 2009

Bei den Schwaben

Ich gehöre ja zu den (sehr) wenigen Baden-Württembergern, die sich tatsächlich als Baden-Württemberger sehen. Wahrscheinlich liegt es daran, daß ich keiner bin. Aus Sicht der Ureinwohner gibt es ja schließlich nur Badener und Schwaben. Die Spannungen zwischen beiden Landeshälften sind legendär. Bis heute fühlen sich die Badener rund um die Uhr über den Tisch gezogen. So hält die halbe Welt Carl Benz für einen schwäbischen Ingenieur. Außerdem hat Stuttgart eine U-Bahn und Karlsruhe (noch) nicht – unerhört!

Ab und zu sollte man aber etwas für die Volkerverständigung tun und den Schritt über die Stammesgrenze wagen. Wir fahren also in die Landeshauptstadt und besichtigen den ersten Fernsehturm der Welt, Stuttgarts Beitrag zur Architektur der Moderne. Auf 150 Meter Höhe sind wir erst einmal ein bißchen enttäuscht: Wie bitte, Milchglasscheiben auf der Aussichtsplattform? Doch die Bausünde entpuppt sich als Hochnebel - Glück bzw. Pech gehabt! Apropos Glück: Am Fuße des Turms feiert der Qualitätsradiosender SWR4 gerade ein "Sommer"fest, doch dank des schlechten Wetters ist kaum etwas los, puh. Ein kategoriengetreuer Volksmusiksänger namens Oliver Thomas kümmert sich auf der Bühne um die musikalische Grundversorgung im Sinne des Rundfunkstaatsvertrages. Wir kümmern uns darum, daß wir möglichst schnell wegkommen.

In der Stadt machen wir eine empörend unschwäbische Erfahrung. Auf manchen Gehwegen ist hier und da ein verwelkendes Laubblatt zu sehen, wir entdecken sogar ein weggeworfenes Kaugummipapier! Hat die Schwabenmetropole Natur und Bürger nicht mehr im Griff? Sorgenvoll setzen wir uns in die sensationelle Zahnradbahn, die uns am Restaurant Wielandshöhe vorbei nach Degerloch befördert. Möglicherweise liest Vincent Klink hier ja nicht mit, aber falls doch: Verordnen Sie Ihrem Laden doch bitte mal eine akzeptable Website!

All die neuen Eindrücke haben uns hungrig gemacht, und so begeben wir uns ins schicke Goi nach Feuerbach. Gaby, Doris und Anke bestellen seriöse Menüs, aber ich entscheide mich natürlich für eine Extrawurst, nämlich das vegetarische Gericht "V8". Das hat Folgen. Beim Bezahlen versucht uns die Bedienung ganz aufgeregt klarzumachen, daß ihre Lieblingsgerichte V3, V4 und V5 seien. V8 sei aber an Muttertag das traditionelle Gericht der buddhistischen Mönche! Bzw. alle Mönche würden vegetarisch essen! Bzw. an Muttertag werden viele Vegetarier in Thailand zu Mönchen! Oder umgekehrt oder so. Wir werden aus ihren Ausführungen nicht schlau, auch wenn die Dame durchaus den einen oder anderen Brocken Deutsch spricht. Am Ende erklärt sie die verblüffte Gaby zur Stammkundin.

Schwabenland, du hast es besser!

Montag, 16. Februar 2009

Wer nicht wackt, der nicht gewinnt

Nach einem Jahr Pause schaffen wir es endlich wieder zum Salon des Vins in Strasbourg, der Leistungsschau der unabhängigen Winzer Frankreichs. Diesmal wollen wir zwei Anfängerfehler von 2007 nicht begehen: a) Völlig unsystematisch durch die riesige Halle irren. b) Zu spät beim Stand von Martin-Faudot erscheinen und keinen der feinen Savagnin-Weine mehr ergattern.

Hervorragend vorbereitet treffen wir auf dem Messegelände Wacken ein. Um der Halle Herr zu werden, gehen wir diesmal äußerst systematisch vor. Ich hatte überlegt, nur Stände mit einer Primzahl anzusteuern, aber Günther schlägt eine andere Methode vor: nur 51er-Stände! Eine goldrichtige und hochrationale Wahl, wie sich später zeigt.

Denn ganz in der Nähe von C51 stolpern wir durch einen intelligenten Regelverstoß über C40, den Stand des Châteaus La Renaudie in der Nähe von Bergerac. Irgendwie gelingt es der Patronin Mme Allamagny, uns auf Französisch die Besonderheit der Renaudie-Weine zu erläutern: vier Rebsorten in einer assemblage! Wir schlagen sofort zu - bei 9,50 Euro pro Fläschchen bleibt einem aber auch nichts anderes übrig.

Natürlich schauen wir auch bei unseren Freunden vom Château Puy Bardens (E93) vorbei und füllen unsere arg gebeutelten Vorräte auf. Die kräuterige, aber nicht krautige Cuvée Prestige kostet dank Wirtschaftskrise nur wenig mehr als 2007 (8,80 Euro) und gefällt uns immer noch viel besser als die doppelt so teuren Weine vom Schwesterweingut Château La Haye.

Auch für Heiterkeit ist zwischendurch gesorgt, unter anderem durch Gerard Weinzorn (sic!) aus Niedermorschwihr (sic!). Onomastiker, en avant!

Montag, 2. Februar 2009

Wir sind zwei Berliner

Wieder einmal geht es übers Wochenende nach Berlin. Wieder einmal entführt uns Michael gleich am ersten Tag in ein Restaurant. Und wieder einmal sind wir sehr angetan: Das Pan Asia in den Hackeschen Höfen steht ja in Berlin unter schärfstem Schickimicki-Verdacht, bleibt aber auf uns Provinzler nicht ohne Eindruck. International angehauchte asiatische Küche, und dann auch noch ohne Glutamat - man stelle sich das in Karlsruhe vor!

Samstag machen wir uns dann in aller Frühe (11 Uhr) auf den Weg in die Deutsche Kinemathek, um die Loriot-Hommage anzuschauen. Die Ausstellungsräume sind voller Besucher, die vor Bildschirmen, Zeichnungen oder Textauszügen stehen und fortwährend kichern. Wir staunen selbst über uns, daß wir die Sketche nach Jahrzehnten immer noch so witzig finden wie am ersten Tag. Die Hitchock-Schau in der Kinemathek überzeugt uns allerdings weniger, was soll denn hier überhaupt das Ausstellungsprinzip sein?

Nach einem Käffchen mit Hildebrand, der sich zufälligerweise zu Gesprächen in Berlin aufhält und uns Videos mit Supergrobi und Graf Zahl empfiehlt, trennen sich unsere Wege. Anke trifft sich mit Freunden zum Essen, ich ziehe in den Krieg: Die langgeplante Friedrich-Partie steht an! Martin spielt Preußen, Volker Schweden, Rußland und Frankreich, ich Österreich und die Reichsarmee. In bester habsburgischer Tradition schicke ich meine Generäle nach Schlesien und kündige dem Alten Fritz härteste Schläge an, muß aber ausgerechnet rund um Königgrätz fürchterliche Niederlagen einstecken. Am Ende bricht Preußen allerdings mit seiner Tradition und kapituliert. Grabesruhe ist erste Bürgerpflicht!

Sonntag schauen wir uns noch das Trivialste an, das Berlin derzeit zu bieten hat, die Koonswerke in der Neuen Nationalgalerie. Später schlendern wir am Kunstmarkt an der Museumsinsel entlang und wundern uns über die vielen leeren Verkaufstische. Ist (gar) keine Kunst am Ende die wahre Kunst?

Sonntag, 11. Januar 2009

Durlach, ein Wintermärchen

Das Sol i Luna macht Winterpause, also frühstücken wir mal wieder im Cielo. Gegen 11 Uhr ist es dort sonntags durchaus zivil, erst ab halb zwölf wird es allmählich voll. Wie üblich diskutieren Frank und ich also in behaglicher Atmosphäre den Niedergang des journalistischen Handwerks und beklagen insbesondere den furchtbaren PR-Journalismus - freuen uns aber natürlich darüber, daß man ja ganz fabelhaft davon leben kann.

Als wir das Cielo verlassen, fällt uns ein Prospekt von Cornelia Birli in die Hände. Die Dame betreibt eine Praxis für metaphysische Heilung, wir fangen natürlich sofort Feuer. Man kann sich von ihr astrologisch beraten oder eine "Pranaheilung" vornehmen lassen, bei der auf sanfte Weise mit Hilfe feinstofflicher Energie verborgene Spannungen in Körper und Aura gelöst werden, toll! Medizinisch unbedingt empfehlenswert ist auch das "Boogie Busting": Fremde Seelen, die sich in so genannten Wirten eingenistet haben, werden mit schamanischen Techniken entfernt. Das Beste ist aber, daß für all diese segensreichen Behandlungen keine Kosten anfallen, sondern lediglich ein "Ausgleich" fällig wird. Beim Boogie Busting etwa mal eben 300 Euro. Leute zahlen freiwillig für ihre Leichtgläubigkeit, ein schöner neuer Bestandteil der flagellantischen Dummheitssteuer.

Voller positiver Energie und mit gereinigter Aura besteigen wir noch den winterlichen Turmberg, allerdings mit Hilfe der Turmbergbahn. Von oben zeigt sich Karlsruhe neblig-mystisch - ein Birli-Effekt?

Für die Rückfahrt kaufe ich das erste Handyticket meines Lebens. Leider gibt es beim mobilen Ticketkauf nicht den üblichen Rabatt für Bahncard-Kunden. Und so zahle ich 2,10 Euro statt 1,50 Euro. Ein triviales Ärgernis am Ende eines erfreulichen Sonntagmorgens.

Samstag, 25. Oktober 2008

Ein Tag am Main

Wie üblich legen wir zum Jahresende hin einen Museumstag in Frankfurt ein. Dem ICE-Chaos zum Trotz kommen wir recht pünktlich am Main an und starten wienerisch im Alten Café Schneider. Uns gegenüber sitzt eine Mischung aus Ralph Giordano und Hans-Christian Ströbele. Der Herr bewegt sich betont langsam und wirkt dabei reichlich unzufrieden. Ein Hartz-IV-Empfänger? Nein, denn er wird plötzlich von einer Dame fotografiert. Offenbar also ein Künstler.

Nach der kleinen Stärkung machen wir uns auf dem Weg zum herrlichen Chinesischen Garten. Inzwischen kann ich ja durch keine Fußgängerzone mehr gehen, ohne sofort jeden billigen Wortwitz zu entdecken, und so stoße ich in der Zeil auf die Kanzlei von Rechtsanwalt Ralf Albern. Albern vor Gericht - ob das eine gute Strategie ist?

Als wir den Chinesischen Garten verlassen, müssen wir uns beim steinernen Drachen am Ausgang natürlich noch etwas wünschen, Ritus ist Ritus. Ich rolle die Steinkugel in seinem Maul vorschrifts- mäßig dreimal hin und her und wünsche mir inbrünstig, daß es mit dem elenden Aberglaube doch endlich einmal zu Ende gehen möge. Doch dummerweise habe ich die Kugel mit der linken Hand bewegt, das kann ja nichts werden! Übrigens steht direkt vor dem Garten ein Freiluft-Schachbrett. Schach, nicht Go - tz, tz!

Schließlich das Ziel unseres Ausflugs, die Schirn. Momentan läuft dort ja eine große Peter-Doig-Retrospektive, die man natürlich unbedingt gesehen haben muß. "Doig hat der Malerei das Atmosphärische zurückgegeben", "Bei Doig bleibt der narrative Aspekt im Ungewissen" usw. - ich kann das bald nicht mehr hören. Traut sich denn keiner zu sagen, daß auch in der Malerei heute fast alles trivial ist, weil man alles schon tausendfach an anderer Stelle gesehen hat? Bei Patenten spräche man von zu niedriger Schaffenshöhe, leider fehlt im Kunstjargon ein entsprechender Begriff. Immerhin schnappe ich im Vorbeigehen einen schönen Satz eines stirnrunzelnden Kunstkenners auf: "Wenn die Bilder eine gewisse Größe erreichen, wird der Rahmen unwichtig". In jeder Hinsicht ein wahres Wort!

Bevor wir nach Hause fahren, müssen wir endlich mal in die Touri-Pflichtgaststube, das Haus Wertheym direkt am Römer. Immerhin ist das Essen erwartungsgemäß reichhaltig.

Mogulpackung

Wir probieren den letzten Inder in Karlsruhe aus, den wir noch nicht kennen: das Mogul Mahal in der Weststadt. Schon vor dem Essen muß ich die ganze Zeit an Rudi Mahall denken. Ein Omen?

Die Bedienung ist flink und freundlich, das Gemüse aber stellenweise arg verkohlt. Anke hat in weiser Voraussicht einen Mangosaft bestellt, ich setze hingegen auf Lassi (zunächst Mango, später Banane). Doch die Getränke, die man mir vorsetzt, schmecken so sehr nach Sirup und so wenig nach echter Frucht, daß mir ein wenig der Appetit vergeht. Am Ende werden uns Desserts aufgetischt, die wir gar nicht bestellt hatten - eine Improvisation, die tatsächlich an Mahall erinnert.

Wahrscheinlich unser letzter Besuch im Mogul Mahal.

Montag, 13. Oktober 2008

Auf dem Keschdeweg

Großes Expertentreffen in Neustadt an der Weinstraße. Christoph reist mit dem ICE aus Frankfurt an, Andree aus dem Nachbarort Mannheim und ich unbedachterweise mit den Regionalexpress aus Karlsruhe. In meinem Großraumabteil sitzen gleich mehrere pfälzische Wandergruppen, und je näher wir der Hauptstadt des Pfälzer Weins kommen, desto lauter wird der gruppeninterne Diskurs. Erleichtert steige ich in Neustadt aus.

Apropos Hauptstadt: Zufälligerweise wird in der 1a-Einkaufsstadt gerade das Deutsche Weinlesefest gefeiert, und auch Ihre Majestät Königin Marlies ist vor Ort. Doch wir sind ja überzeugte Anhänger der Republik und machen uns stolz auf den Weg zum Hambacher Schloß. Über Stock und Stein und Kastanien (immerhin befinden wir uns auf dem Keschdeweg) nähern wir uns dem Symbol der deutschen Demokratiebewegung und analysieren währenddessen fachkundig den Reich-Ranicki-Eklat. Endlich sagt mal einer, was alle anderen auch sagen!

Dann sind wir aber auch schon oben - und stehen vor verschlossenen Toren. Der Kristallisationspunkt der Freiheit ist bis Anfang November geschlossen. Aber was ist schon Freiheit im Vergleich zu einer deftigen Pfälzer Mahlzeit! Kurzentschlossen kehren wir in der Burgschänke Rittersberg gleich nebenan ein und stärken uns mit Fisch bzw. Saumagen. Die Bedienung kann uns leider nicht verraten, welche Rebsorten in unserer Cuvée P-A-N vom Weingut Stortz-Nicolaus stecken. Als sie nach einer kurzen Pause wieder am Tisch erscheint, klärt Andree sie souverän auf: Es handele sich sicher um Merlot, Cabernet Sauvignon "und einen Hauch Syrah"! Die Dame ist tief beeindruckt, doch dann gibt Andree völlig ohne Not die schönen Prestigepunkt wieder ab: Er habe die Information eben mit seinem Handy ergoogelt.

Nach ein paar weiteren Wanderkilometern beginne ich meine Muskeln zu spüren. Wir gönnen uns noch Kaffee und Kuchen in der bedrückenden Innenstadt (siehe Bild) und probieren zum Abschluß auf dem Weinlesefest noch einen sehr mageren Riesling von der Hambacher Winzergenossenschaft. In meiner rechten Wade kündigt sich inzwischen ein kolossaler Muskelkater an. Schlechter Riesling ist offenbar nicht gut für die menschliche Muskulatur.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Wipfeltreffen

Björn löst sein Geburtstagsgeschenk ein: einen Tag im Kletterpark in Kandel. Die Aufgabenteilung in unserer Gruppe ist klar: Während die anderen in 10-15 Metern Höhe herumkraxeln, soll ich von unten die peinlichsten Momente fotografisch festhalten. Angstverzerrte, schreckensbleiche Gesichter - darauf bin ich aus. Doch leider kommt erstens alles anders, und zweitens als man denkt.

Nachdem sich alle mit Helm und Klettergeschirr ausgerüstet haben, trennt sich die Gruppe. Günther wählt die Seilrutsche und damit Parcours 9. Anke, Björn und Alex sind etwas vorsichtiger und entscheiden sich für die vergleichsweise harmlose Wackelbrücke über die Straße. Keine 2 Minuten später stellen sie jedoch erschrocken fest, daß es sich um den etwas kniffligeren Parcours 11 handelt. Tja, Vorsicht ist eben nicht immer die Mutter der Porzellankiste. Sondern manchmal auch die Tante oder gar die Großnichte.

Leider wollen mir während der Kletterei nicht die gewünschten Schnappschüsse gelingen. Alle bewegen sich beeindruckend professionell und zielstrebig durchs Geäst. Meine Enttäuschung ist groß, bis nach den 3 Stunden im Kletterpark das Gespräch irgendwie auf Dekadenz kommt. Alex gelingt mit einem kleinen Satz der große Wurf: "Nur reiche Länder können es sich noch erlauben, Müll wegzumschmeißen". Ich weiß bis heute nicht, ob der Gedanke unsinnig oder genial, empirisch oder fiktiv ist, aber immerhin rettet er mir den Tag.

Nach Zwischenstationen im Litfaß und bei Carlos beschließen wir den Tag mit Sponti-Kultur: Das Tübinger Harlekin-Theater präsentiert im Jubez seine Theatersportliche Impro-Show. Am besten gefällt mir das improvisierte Shakespeare-Stück Die Enterbung über einen Ritter, der nach langer Zeit in seine Heimat zurückkehrt und der rechtmäßigen Königin wieder auf den Thron hilft. Sie weint auf shakespearischste Art und Weise, und er fragt ebenso: "Was netzest Du Dein Aug'?" Natürlich kann es auch auf der Bühne keine Spontaneität ohne perfekte Vorbereitung geben, aber das Erstaunliche ist, daß man es der Truppe praktisch nicht anmerkt.

Björns Besuch endet am Sonntag mit einem Frühstück im Cielo in Durlach. Wir erleben weder eine Enterbung noch sonstige Machtspiele zwischen Königen, dafür aber ein Drama in besonders kleinem Stil: Die Bedienung hat mir die Nutella auf den Teller gelegt, die doch eigentlich Björn bestellt hat! Man muß das Auge nur für die richtigen Probleme schärfen, dann lebt man im allgemeinen ganz hervorragend.

Sonntag, 21. September 2008

Wein und Gemüse

Die Gemeinde Siebeldingen gehört dem Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Forschungsanstalt und einen berühmten Winzer, wo der Wein sehr gut ist. Im Frühherbst lädt das Dörfchen zur kulinarischen Weinbergwanderung, und in diesem Jahr wandern wir erstmals mit.

Wir parken im Dorf und machen uns dann auf den 6 Kilometer langen Rundkurs durch die Siebeldinger Weinberge. Alle 500 Meter kann man eine Ruhepause einlegen und an Ständen die Weine der örtlichen Winzer verkosten. Wir machen allerdings erst Station im Geilweilerhof, dem Rebenforschungsinstitut des Bundes: Wissenschaft, Wein und ein reichhaltiges Menü, das ist doch eine überzeugende Kombination. Nach einem saftigen Gulasch vom Pfälzer Reh besichtigen wir das Labor und staunen, daß bei der Führung sorgsam das Wort "Gentechnik" vermieden wird. Da müssen wir natürlich gleich nachfragen und stoßen auf einen wunden Punkt. Man hat im Geilweilerhof offenbar nicht die besten Erfahrungen mit dem Wissenschaftsverständnis von Volk und Politik gemacht. "Ach, die Frau Künast!"

Eine halbe Stunde später schauen wir noch beim Weingut Ökonomierat Rebholz vorbei, laut Gault-Millau ja der beste Winzer der Pfalz. Der ausgeschenkte Spätburgunder hat sicher viel Holz gesehen, aber ist er so viel besser als die vielen anderen guten Spätburgunder? Dasselbe beim Gewürztraminer: sehr schön sortentypisch und elegant, aber herausragend? Vielleicht sollten die Gault-Millau-Leute mal konsequent die Blindverkostung einführen.

Ein so gesunder Tag kann natürlich nur vitaminreich ausklingen. Zufälligerweise spielt ausgerechnet heute das Wiener Gemüseorchester im Nationaltheater Mannheim, und wir erleben ein außergewöhnliches Konzert. Die Stücke sind stark perkussiv geprägt, und beim Song Krautrock fliegen buchstäblich die (Kohl-)Fetzen, wow. Nach einer Stunde ist die Bühne voller Gemüseabfälle, und wir stellen uns die bange Frage: Ob das Gemüseorchester wohl jemals von Bob Geldof zu einem Live-Aid-Konzert eingeladen wird?

Montag, 15. September 2008

Krieg, Kandel und Karlsruhe

Man muß die Provinz dann und wann am Glanz der Hauptstadt teilhaben lassen, sonst verliert sie die Lust an den Tributzahlungen. Was in der römischen Kaiserzeit galt, kann auch für unsere Republik nicht falsch sein. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen zieht es zwei Profiteure des Länderfinanz-ausgleichs nach Karlsruhe: Bernhard und Martin.

Das Wochenende startet friedlich im Besitos am Marktplatz. Man hat vom Weinbrenner zwar die Räumlichkeiten übernommen, aber nicht das Servicekonzept - eine weise Entscheidung. Und so werden wir freundlich, kompetent und schnell bedient; in diesem Haus ja eine ganz und gar ungewohnte Erfahrung. Später geht es weiter zu Carlos, seit einiger Zeit ja meine Lieblings-Cocktailbar in Karlsruhe (inzwischen habe ich von Guido erfahren, daß es im Grunde auch die einzige richtige Cocktailbar der Stadt ist, aber das müssen die Berliner ja nicht wissen). Erst um 4 Uhr sind wir zu Hause.

Am Samstag wird es dann ernst. Das Wochenende hat ja wie gewohnt die Weltherrschaft zum Thema, doch statt der ursprünglich geplanten Strategieklassiker Civilization oder Diplomacy greifen wir zu Wallenstein. Das vergleichsweise junge Spiel bringt den Dreißigjährigen Krieg herrlich authentisch ins Wohnzimmer: Alle bekriegen sich gegenseitig, und das hungrige Bauernpack muß am meisten leiden. Frank errichtet eine Gewaltherrschaft im Norden, Bernhard baut eine gigantische Drohkulisse am Rhein auf, und Martin und ich verwüsten tit-for-tat die bayerischen Lande. Toll!

Mit leerem Magen wird man auch des schönsten Krieges irgendwann überdrüssig. Am frühen Abend fahren wir also nach Kandel ins 3 Mohren, den anderen Hähnchenspezialisten der Pfalz. In den Fenstersimsen stehen überall glückliche Hühnerfiguren, aber wir fragen uns, ob das Haus in Hähnchenkreisen wirklich so beliebt ist? Egal. Die Hähnchen sind wie üblich knackig, und alle sind zufrieden - bis Bernhard eine bizarre Bitte äußert. Ob er denn mal einen gebratenen Gockel in der Küche fotografieren dürfe? Ehrfurchtsvoll blickt die Bedienung auf seine 6.000-Euro-Kamera und fragt vorsichtig, ob er Fotograf sei? Dem Künstler gelingt spontan eine fabelhaft-geheimnisvolle Antwort: "Unter anderem".

Nach knusprigen Hähnchen in der Pfalz dann das exakte Gegenteil: zeitgenössische Musik im ZKM. Matthias Ockert präsentiert sein neues Werk, die Komposition Primum Mobile. Wie bei so vielen zeitgenössischen Stücken steht auch hier nicht die Musik im Vordergrund, sondern ihr Entstehungsprozeß. Ockert hat für Primum Mobile auf Verfahren der Informatik zurückgegriffen, mit denen man die Zufallsverteilung der Töne oder Tonhöhen oder was auch immer kontrollieren kann. Das ist technisch natürlich alles sehr interessant, doch musikalisch leider auch weitgehend wertlos. Wie immer ist das Publikum begeistert, aber alles andere als frenetischer Applaus ist bei zeitgenössischer Musik ja auch gar nicht mehr denkbar. J'en ai marre!

Sonntag morgen begehe ich dann den großen Fehler des Wochenendes. Weil es so schön zentral liegt, schlage ich für unser Frühstück das Café Böckeler vor, das von allen denkbaren Eigenschaften eigentlich nur eine einzige vollkommen besitzt: Authentizität. Und so bekommen unsere Berliner kurz vor Schluß noch den Eindruck, daß Karlsruhe nicht nur so heißt, sondern auch so ist.

Freitag, 29. August 2008

Warum in die Ferne schweifen,
wenn die Nahe liegt so nah

Streng fachliche Verkostung im Weinforum. Diesmal geht es um Rieslinge von der Nahe. Joachim Rieth-Vogt war wieder mal gemein und hat gleich zwei Piraten eingeschmuggelt, die es herauszufinden gilt. Höchst angestrengt probiert die weinselige Runde die zwölf Kandidaten, aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Tropfen sind minimal. Der eine ist ein bißchen knackiger, der andere ein bißchen weicher, ein dritter vielleicht ein wenig vegetativer. Aber tolle, sehr gut trinkbare Rieslinge sind sie allesamt.

Am Ende landet die Grauschiefer-Spätlese vom Weingut Lindenhof auf dem ersten Platz. Mein Favorit ist allerdings der Riesling S von Rainer Marx aus Windesheim, der einen interessanten, aber sehr zarten Nebenton mitbringt. Ach ja, die Piraten stammen übrigens aus Baden-Baden und Forst in der Pfalz.

Als wir auch noch die Flaschenpreise erfahren, ist das Erstaunen groß: Die Weine kosten zwischen 4 Euro und 9,20 Euro. Auf an die Nahe!

Montag, 18. August 2008

Messiaen in Neustadt

Gewiß, gewiß, auch die populäre Musikkultur des 20. Jahrhunderts hat so manches Werk hervorgebracht, das es wohl nicht in den Kanon künftiger Generationen schaffen wird. Aber war es nicht die erklärte Absicht der Neuerer Anfang des 20. Jahrhunderts, die Musik der Zukunft zu schaffen? Gemessen daran hat die Neue Musik großflächig versagt (hier ein schöner Stimmungsbericht von Joe Queenan). Wahrscheinlich lebt sie nur noch fort, weil zeitgenössische Komponisten sich auf bequemen Lehrstühlen ausruhen können. Eigentlich bemerkenswert: In dem Moment, in dem man die klassische Musik in den Stand förderungswürdiger Großkultur (mit Symphonieorchestern und Musikhochschulen in jedem zweiten Dorf) erhob, verurteilte man sie zu ewiger Starre. Ein typisches Symptom der Subventionitis.

Doch uns kann ja nichts schrecken, und so machen wir uns bei bestem Wetter auf, ein Konzert der Internationalen Messiaen-Woche in Neustadt an der Weinstraße zu besuchen. Unsere Wahl fällt auf eine Aufführung der Vingt regards sur l'Enfant-Jésus in der Kirche St. Jakobus, einem nach diversen Umbauten erschreckend barocken Gotteshaus. Allerdings grenzt die Kirche direkt an einen Weinberg, was wir als Hinweis auf frühes praktisches Denken in der Katholischen Kirche verstehen.

Das Publikum ist unerwartet gut gekleidet, aber erwartungsgemäß unerfahren. Auf die Idee, ausgerechnet bei einem Werk wie den Vingt regards nach den einzelnen Betrachtungen zu applaudieren, kann man wohl nur in der Pfalz kommen. Überhaupt: Applaus für Messiaen-Musik! Meinetwegen kann man den aufführenden Künstlern ja für eine bemerkenswert sportliche Leistung applaudieren, aber doch bitte nicht der Musik selbst. Messiaen gilt ja bis heute als Musiker, obwohl man seine technischen Übungen doch viel eher als Architektur betrachten sollte, wenn auch als verkorkste. Warum hat niemand den Mut, das Experiment der zeitgenössischen klassischen Musik endlich für gescheitert zu erklären? In diesem (und nur in diesem) Punkt kann ich Wickert zustimmen: Musikgaukler muß man Musikgaukler nennen.

In der Pause die große Frage: Wie können wir das Konzert sozialverträglich (d.h. ohne aufzufallen) verlassen? Ganz überraschend bietet sich hinter der hüfthohen Kirchenmauer eine willkommene Fluchtmöglichkeit, und so verschwinden wir durch den idyllischen Weinberg. Unser Mut wird mit herrlichen Brombeeren belohnt. O Dionysos!

Da ja Messiaen unseren Hunger nicht stillen konnte, machen wir erst mal Station in einer der unwichtigsten Burganlagen Deutschland, der Burg Spangenberg. Ein ganzes Jahrtausend lang wußte niemand, warum es diese Burg überhaupt gibt. Ihre Existenzberechtigung erhielt sie erst mit der skurril-urigen Burgschänke, wo Leberknödel und Saumagen noch hausgemacht sind - heute ja leider keine Selbstverständlichkeit mehr in der Pfalz.

Wagemutig treten wir den Rückweg über die traumhafte Totenkopfstraße an, die ja lange Zeit vor allem als Tatort bekannt war. Inzwischen gibt es hier erfreulicherweise aber keine Gauner mehr, und selbst für Motorradfahrer ist sie mittlerweile gesperrt.

Unser Ausflug endet kurz vor Karlsruhe im Stau an der Rheinbrücke. Doch man sollte jeden Stau als Chance begreifen, und so können wir im Radio noch einen hochinteressanten DLF-Bericht über kriminalistische DNA-Datenbanken hören. Offenbar hat Deutschland hier noch großen Nachholfbedarf. Wolle, was ist los?

Montag, 11. August 2008

Ich Binz gewesen

Unser Sommerurlaub beginnt mit einer geographischen Überraschung: Ein renommierter Routenplaner schlägt uns die kürzeste Strecke nach Rügen vor - über Tallinn. Mit der Fähre spart man sich einige Autokilometer. Fabelhaft, diese moderne Technik!

Wir schlagen die trickreiche Routenempfehlung allerdings aus und folgen unserem eigenen Plan. Nach einem Zwischenhalt im herrlich mittelalterlichen Duderstadt rollen wir verblüfft durch Lindau(!) und dann sogar buchstäblich Bodensee(!!), zwei hübsche Dörfer im Harz-Vorland. Auch an der Katlenburg kommen wir vorbei, wo mir vor bald einem Vierteljahrhundert während einer Klassenfahrt meine nagelneue Armbanduhr abhanden kam (die Stoppuhr schaffte Hundertstelsekunden, damals wichtig für Zehnjährige). Der Verlust schmerzt noch heute.

Im Ostseebad Binz fällt uns dann als erstes ein Gegensatz auf. An den Straßen: strahlend weiße Architektur im Bäderstil des 19. Jahrhunderts. Auf den Straßen: B-Publikum, das auch Palma de Mallorca alle Ehre machen würde. Kann es sein, daß Binz nicht ganz die Zielgruppe anzieht, die man sich erhoffte? Sogar zwei Drogeriediscounter haben sich in der Flaniermeile angesiedelt - für ein Seebad eine Spur zu funktional gedacht, wie mir scheint. Gleich mehrere Restaurants schreiben "Hänchen" statt "Hähnchen". Man wünscht ihnen ja beinahe, daß ein Gast endlich mal ein H in der Suppe findet.

Systematisch klappern wir in den nächsten Tagen alles ab, was der Osten Rügens hergibt: Kap Arkona, die Kreidefelsen, das Jagdschloß Granitz, Sellin, Göhren ... und natürlich Prora. Wenn die Nazis damals geahnt hätten, daß heute Millionen Menschen ihren Urlaub in ganz ähnlichen Bettenburgen verbringen, und das freiwillig! Prora war übrigens von Anfang an falsch geplant, schon am gigantischen Trinkwasserbedarf wäre die Erholung der 20.000 KdF-Urlauber gescheitert. Robert Ley und Architekt Clemens Klotz können froh sein, daß ihnen der Zweite Weltkrieg dazwischenkam, der Führer hätte sicher getobt.

Anke, die sich in Muschelkreisen einen Ruf wie ein Donnerhall erworben hat, hält sich diesmal zurück und überführt nur wenige Muschelexemplare in ihre Privatsammlung. Wir kommen also nicht vors Strandgericht, puh.

Rügen wäre natürlich nichts ohne den Rasenden Roland. Wir gönnen uns die nostalgische Bahnfahrt gleich mehrfach und stellen überrascht fest, daß die Dampflok pünktlicher als die meisten ICEs ist. Es scheint sich eben doch zu rentieren, wenn man viel Kohle in die Eisenbahn steckt.

Auch kulinarisch kann man auf Rügen viel erleben. Im Hafenrestaurant Zum alten Fischer in Breege ordere ich zum Fisch die Empfehlung des Hauses, den Fischwein 11° aus der Südpfalz. Ein Stück Heimat in der Ferne, juhu! Doch schon der erste Schluck ist so wässerig, daß ich nach dem Namen des Winzers frage. "Weiß ich nicht, ist unser Hauswein", lautet die genervte Antwort. Ob man denn wenigstens den Ort in Erfahrung bringen könne? Nach kurzer Zeit kommt die Bedienung mit der Antwort zurück: Freiburg! Äh ... Freiburg? "Ja, Freyburg. In der Pfalz! An der Unstrut!" Vielleicht entwickeln Insulaner einfach ein anderes Raumgefühl.

Besagter Fischwein begegnet uns noch einmal im gemütlichen Bootshaus direkt an der Strandpromenade. Das gastronomische Highlight erleben wir hingegen gegen Ende unserer Reise im Surf'n Turf: tolle moderne Küche mit einer schönen Weinauswahl, man reicht uns unter anderem einen feinen Riesling vom Weingut Bürklin-Wolf.

Kurz vor Abreise werde ich abends auf den Straßen von Binz noch Zeuge eines Polizeizugriffs: Ein Missetäter wird von einem extrem durchtrainierten Polizisten mit Schlagstock gejagt und keine 10 Meter neben mir schließlich gestellt. Während sich der Flüchtling zu Boden wirft, höre ich ihn ängstlich flehen: "Bitte nicht niederhauen!".

Freitag, 11. Juli 2008

Hail to Bodek

Der Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg geht in diesem Jahr zum vierten Mal in Folge an einen Karlsruher: den Schlagzeuger Bodek Janke aus New York. Im Vorjahr hatte ihn ja sein Jugendfreund Kristjan Randalu (Klavier, ebenfalls New York) bekommen, mit dem er zusammen die Grupa Randalu Janke (Sitz: New York) bildet.

Nun also Bodek. Für sein Preisträgerkonzert hatte er eine "kleine Sensation angekündigt: tanzbare Multikulti-Musik mit Jazzeinsprengseln, gespielt von seiner neuer Band global.dance.kulture, die aus zehn Musikern besteht. Weltmusik, tanzbar, zehnköpfige Band - das sind ja gleich drei Trivialitätsfaktoren auf einmal, das geht nun wirklich nicht! Stimmt, denn eigentlich sind es sogar vier: Gesang ist auch noch dabei. Und auch noch ein Didgeridoo! Trivialität mit Zusatzzahl!

Tatsächlich wird das Konzert sehr gut hörbar, auch wenn es mir an vielen Passagen eine Spur zu seicht daherkommt. Oder anders gesagt: Diese Art von Musik bekommt man auch ohne derart exponierte Musiker auf die Bühne. Am besten sind die Stellen, an denen sich die Band zurückhält und Bodek Janke und Kristjan Randalu beinahe als Duo spielen. In diesen Momenten wird deutlich, zu welchen Höhenflügen die beiden Ausnahmemusiker in der Lage sind.

Mittendrin die Überraschung des Abends: Plötzlich stehen vier badische Breakdancer der Fette Moves GbR (sic!) auf der Bühne und verrenken zur Weltmusik ihre Knochen. Das Tollhaus tobt, doch alle echten Experten fragen sich natürlich, ist das noch Hochkultur? Dafür ist die Stimmung eindeutig zu gut. Doch auch Kenner müssen Opfer bringen, und so wird gefeiert, was das Zeug hält.

Nach dem Konzert stehen Guido und ich noch an einem Weinstand, wo mir partout nicht der Name dieses tollen Hamburger Weinladens in Eppendorf einfällt. Der Name reimt sich auf irgendwas und klingt lustig, aber an mehr erinnere ich mich nach zwei Stunden Weltmusik nicht mehr. Jetzt weiß ich es wieder: Rindchen. Der Laden hat einen herrlichen Wein-Newsletter, vielleicht den besten in Deutschland.

Dienstag, 1. Juli 2008

Hermannshäusle

Gut Ding will Weile haben. Mit mehr als einem Jahr Verspätung setzen wir unseren Plan um, dem feinen Hermannshäusle in Blankenloch einen Besuch abzustatten. Montags und dienstags gibt es ja dort ein Wochenstartsmenü mit drei Gängen für nur 25 Euro - wer kann dazu schon Jein sagen?

Wir setzen uns also in die urige Stube und werden auch sofort bedient, denn außer uns sind nur noch drei andere Gäste im Haus - die Sommerhitze! Nach einem fruchtigen Prosecco reicht man uns einen knackigen Salat mit tollen Entenbruststreifen. Nach dem Hauptgang (Bœuf Stroganoff) dann die Überraschung des Abends: Das Dessert besteht aus frischen Erdbeeren, Holunderblütenmousse und ... Balsamico! Etwas gewöhnungsbedürftig, aber an einem heißen Tag durchaus erlaubt, finden wir.

Interessant die Weinkarte: Neben internationalen Weinen haben es auch die Klumpps ins Hermannshäusle geschafft. Gibt es noch gehobene Gastronomie in der Gegend, in der sie nicht vertreten sind?

Natürlich bleibt wie immer auch Raum für humoristische Überlegungen: Könnte man bei speziellen Rindfleisch-Skandalen nicht von "Bluff Stroganoff" sprechen? Und überhaupt, "Hermannshäusle"! Ich finde ja schon seit langem, daß "Hermann" der konsistenteste Vorname ist. Man stelle sich einen Hermann Mann vor. Wer ihn duzt, nennt ihn Herrmann - wer ihn siezt, Herr Mann. Die Mechanik funktioniert natürlich auch bei "Herbert". Bei Frauennamen ist es allerdings schwieriger. "Frauke Ke"? Gewöhnungsbedürftig!