Montag, 20. Oktober 2008

Manchmal muß man Prioritäten setzen

Wenn es um Sport geht, übertragt die ARD jedes x-beliebige Ereignis bis zum bitteren Ende. Beim Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hingegen wurde die Übertragung kurz vor Schluß beendet - der Presseclub hätte sonst mit zehn Minuten Verspätung starten müssen. Öffentlich-rechtliches Qualitätsfernsehen.

Weniger Journalismus wagen

Stefan Niggemeier hat in einem Vortrag den gegenwärtigen Stand des Online-Journalismus beschrieben. Unbedingt lesenswert!

Dienstag, 14. Oktober 2008

Aufgelesen (2)

"Am allerwenigsten begriff der junge Mensch die diplomatische Bedeutung des Balletts. Mit Mühe zeigte ich ihm ... wie alle seine Tanztouren diplomatische Verhandlungen bedeuten, wie jede seiner Bewegungen eine politische Beziehung habe, so z.B. daß er unser Kabinett meint, wenn er sehnsüchtig vorgebeugt, mit den Händen weit ausgreift; daß er den Bundestag meint, wenn er sich hundertmal auf einem Fuße herumdreht, ohne vom Fleck zu kommen; daß er die kleinen Fürsten im Sinne hat, wenn er wie mit gebundenen Beinen herumtrippelt; daß er das europäische Gleichgewicht bezeichnet, wenn er wie ein Trunkener hin und her schwankt; daß er einen Kongreß andeutet, wenn er die gebogenen Arme knäuelartig ineinander verschlingt; und endlich, daß er unsern allzu großen Freund im Osten darstellt, wenn er in allmählicher Entfaltung sich in die Höhe hebt, in dieser Stellung lange ruht und plötzlich in die erschrecklichsten Sprünge ausbricht."

Heinrich Heine, Die Harzreise

Montag, 13. Oktober 2008

Auf dem Keschdeweg

Großes Expertentreffen in Neustadt an der Weinstraße. Christoph reist mit dem ICE aus Frankfurt an, Andree aus dem Nachbarort Mannheim und ich unbedachterweise mit den Regionalexpress aus Karlsruhe. In meinem Großraumabteil sitzen gleich mehrere pfälzische Wandergruppen, und je näher wir der Hauptstadt des Pfälzer Weins kommen, desto lauter wird der gruppeninterne Diskurs. Erleichtert steige ich in Neustadt aus.

Apropos Hauptstadt: Zufälligerweise wird in der 1a-Einkaufsstadt gerade das Deutsche Weinlesefest gefeiert, und auch Ihre Majestät Königin Marlies ist vor Ort. Doch wir sind ja überzeugte Anhänger der Republik und machen uns stolz auf den Weg zum Hambacher Schloß. Über Stock und Stein und Kastanien (immerhin befinden wir uns auf dem Keschdeweg) nähern wir uns dem Symbol der deutschen Demokratiebewegung und analysieren währenddessen fachkundig den Reich-Ranicki-Eklat. Endlich sagt mal einer, was alle anderen auch sagen!

Dann sind wir aber auch schon oben - und stehen vor verschlossenen Toren. Der Kristallisationspunkt der Freiheit ist bis Anfang November geschlossen. Aber was ist schon Freiheit im Vergleich zu einer deftigen Pfälzer Mahlzeit! Kurzentschlossen kehren wir in der Burgschänke Rittersberg gleich nebenan ein und stärken uns mit Fisch bzw. Saumagen. Die Bedienung kann uns leider nicht verraten, welche Rebsorten in unserer Cuvée P-A-N vom Weingut Stortz-Nicolaus stecken. Als sie nach einer kurzen Pause wieder am Tisch erscheint, klärt Andree sie souverän auf: Es handele sich sicher um Merlot, Cabernet Sauvignon "und einen Hauch Syrah"! Die Dame ist tief beeindruckt, doch dann gibt Andree völlig ohne Not die schönen Prestigepunkt wieder ab: Er habe die Information eben mit seinem Handy ergoogelt.

Nach ein paar weiteren Wanderkilometern beginne ich meine Muskeln zu spüren. Wir gönnen uns noch Kaffee und Kuchen in der bedrückenden Innenstadt (siehe Bild) und probieren zum Abschluß auf dem Weinlesefest noch einen sehr mageren Riesling von der Hambacher Winzergenossenschaft. In meiner rechten Wade kündigt sich inzwischen ein kolossaler Muskelkater an. Schlechter Riesling ist offenbar nicht gut für die menschliche Muskulatur.

Bundeswurstkreuz

Die Wursttheke des Scheck-in-Marktes in Baden-Baden erhält die höchste Auszeichnung, die die Nation überhaupt an ihre Wursttheken vergeben kann. Künftig wird "... eine farbenprächtige, rund 50 Zentimeter große Skulptur aus Würsten und Schinken, entworfen vom international bekannten Künstler Otmar Alt, ... die Blicke auf sich ziehen".

Wir gratulieren!

Donnerstag, 9. Oktober 2008

"Horkheimer ... hat nichts Bedeutendes verfaßt"

Wenn Ralf Dahrendorf fünf Minuten spricht, sagt er mehr interessante Dinge als alle anderen deutschen Intellektuellen zusammengenommen ein ganzes Jahr lang. Die F.A.Z. hat mit ihm in ihrem Lesesaal gesprochen.

Hexxagon

Hexxagon ist ein wunderbares abstraktes Strategiespiel mit leichten Regeln. Die optimale Zerstreuung für anstrengende Bürotage. Viel Vergnügen!

Hexxagon made by Neave Games

BILD Dir Deine Meinung

a) Spiegel online

Schlagzeile: "IWF sagt deutscher Wirtschaft rasante Talfahrt voraus"

Im Text dann: "Die deutsche Wirtschaft werde 2009 überhaupt nicht mehr wachsen, sagt der IWF in seinem halbjährlichen Weltwirtschaftsausblick voraus. Für 2008 prognostizieren die Experten Deutschland noch ein Wachstumsplus von 1,8 Prozent."


b) Sogar noch mehr Schlagzeilenpanik bei der F.A.Z.:

Schlagzeile: "Weltwirtschaft am Rand des Abgrunds"

Im Text dann: "Das deutsche Wachstum werde sich auf 1,8 Prozent verlangsamen, hieß es am Mittwoch aus Washington ... In China beispielsweise sagt der IWF für 2009 ein Wachstum von 9,3 Prozent voraus, verglichen mit erwarteten 9,7 Prozent in diesem Jahr."

Dienstag, 7. Oktober 2008

Soldatenverarbeitung

Seit Anfang der 90er ist es sein sehnlichster Wunsch, nun geht Wolle Schäubles Traum vielleicht bald in Erfüllung: Die große Koalition der beiden Karnevalsvereinigungen hat sich darauf geeinigt, daß die Bundeswehr künftig auch im Inland eingesetzt werden kann. Dazu muß bloß dieses komische Gesetz angepaßt werden, bei dem ärgerlicherweise immer so viele Abgeordnete zustimmen müssen., wenn es geändert werden soll.

Wenn die Mullahs also bald mal eine schmutzige Bombe in Berlin zünden, kann der Alexanderplatz mit Panzern abgesperrt werden. Das erhöht das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger und steigert außerdem den Nutzwert des teuren Kriegsgeräts. Karlsruher Sicherheitskreise überlegen bereits, Ampelsünder künftig mit Tornados jagen zu lassen, wenn es Anhaltspunkte für einen islamistischen Hintergrund gibt.

Auch bislang rückte die Bundeswehr natürlich munter aus, wenn es gerade in den Kram paßte. Doch in Zeiten der globalen Irrungen erkennt die deutsche Politik, daß es ohne gesetzmäßige Ordnung nicht geht. Darum also der mühselige Weg über die Grundgesetzänderung.

Warum gesteht eigentlich niemand, daß Panzer auch Klimakiller sind? Dann wäre die politische Narretei doch perfekt.

Montag, 6. Oktober 2008

Man kriegt die Krise

Wenn man sich die deutsche Berichterstattung über die allgegenwärtige Finanzkrise anschaut, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Weil der globale Kasinokapitalismus versagt habe, müsse endlich mehr reguliert werden? Die Liberalisierung habe sich als Irrweg erwiesen? Moment mal: Ausgangspunkt der ganzen Angelegenheit war der Hypothekenmarkt, sicher einer der reguliertesten Finanzmärkte in den USA. Die beiden zentralen Akteure waren Fannie Mae und Freddie Mac, sicher zwei der staatsnächsten Firmen im amerikanischen Finanzmarkt. Und einer der wichtigsten Krisenantreiber war die Niedrigzinspolitik der amerikanischen Notenbank. Und trotzdem soll wieder der böse Kapitalismus Schuld haben?

Letztlich haben sich doch alle Akteure so verhalten, wie Papa Staat es gewollt und belohnt hat: das eigene Häusle schön mit bis zu 130 Prozent des Schätzwertes beleihen, natürlich bei Fannie oder Freddie. Oder ein eigenes Haus bauen, auch wenn es das eigene Einkommen vielleicht gar nicht zuläßt (hier ein schöner Artikel der New York Times vom September 1999 über den Beitrag der Clinton-Regierung zur heutigen Krise).

Einen sehr schönen Kommentar gibt es wie so oft auch bei politplatschquatsch.

Freitag, 3. Oktober 2008

Jean-Paul Brodbeck

Da staunte nicht nur die Fachwelt: Ein Jazztrio aus dem frühen 21. Jahrhundert bearbeitet einige der schönsten Liedmelodien des späten 19. Jahrhunderts? Doch Jean-Paul Brodbeck gelang mit seinem Projekt Song of Tchaikovsky eine kleine Sensation. Das Erfolgsgeheimnis war vielleicht, die wunderschönen Melodien des großen Romantikers eben nicht durch zu viel Abstraktion zu entkräften, sondern sie in ihrer Schönheit stehen und wirken zu lassen.

Im Jazzclub Karlsruhe überzeugen die drei Tschaikowsky-Freunde von der ersten Minute an. Leider spielt Samuel Rohrer diesmal nicht mit, aber auch Andreas Pichler ist ein echter Könner seines Fachs.

Mal schauen, wann sich das erste Jazztrio an Ohrwürmer von Wolfgang Rihm wagt.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Aufgelesen (1)

"Ich sah dem Chef ins Gesicht und doch an seinem Gesicht vorbei nach draußen. Hinter ihm gab es ein großes Fenster, das den Blick auf eine belebte Straße freigab. In diesem Augenblick begann draußen ein Mann, ein neues Plakat auf eine Werbewand zu kleben. Es war ein riesiges buntes Plakat für eine neue Halbbitter-Schokolade. Es dauerte keine halbe Minute, dann war ich in das Wort halbbitter vertieft. Ich begriff, daß ich mich selbst in einer halbbitteren Situation befand."

Wilhelm Genazino, Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

Kindergeburtstag

Google bietet inzwischen ja praktisch alles an, seit kurzem sogar eine Zeitmaschine. Anläßlich des 10jährigen Firmenbestehens kann man nämlich im Google-Index von 2001 recherchieren und schauen, wie winzig damals noch das Internet war. Lustig ist die Google-Zeitleiste: Angeblich feiert man in Mountain View jedes Jahr gleich mehrere "Meilensteine". Vorbildlicher Wortgebrauch!

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Wipfeltreffen

Björn löst sein Geburtstagsgeschenk ein: einen Tag im Kletterpark in Kandel. Die Aufgabenteilung in unserer Gruppe ist klar: Während die anderen in 10-15 Metern Höhe herumkraxeln, soll ich von unten die peinlichsten Momente fotografisch festhalten. Angstverzerrte, schreckensbleiche Gesichter - darauf bin ich aus. Doch leider kommt erstens alles anders, und zweitens als man denkt.

Nachdem sich alle mit Helm und Klettergeschirr ausgerüstet haben, trennt sich die Gruppe. Günther wählt die Seilrutsche und damit Parcours 9. Anke, Björn und Alex sind etwas vorsichtiger und entscheiden sich für die vergleichsweise harmlose Wackelbrücke über die Straße. Keine 2 Minuten später stellen sie jedoch erschrocken fest, daß es sich um den etwas kniffligeren Parcours 11 handelt. Tja, Vorsicht ist eben nicht immer die Mutter der Porzellankiste. Sondern manchmal auch die Tante oder gar die Großnichte.

Leider wollen mir während der Kletterei nicht die gewünschten Schnappschüsse gelingen. Alle bewegen sich beeindruckend professionell und zielstrebig durchs Geäst. Meine Enttäuschung ist groß, bis nach den 3 Stunden im Kletterpark das Gespräch irgendwie auf Dekadenz kommt. Alex gelingt mit einem kleinen Satz der große Wurf: "Nur reiche Länder können es sich noch erlauben, Müll wegzumschmeißen". Ich weiß bis heute nicht, ob der Gedanke unsinnig oder genial, empirisch oder fiktiv ist, aber immerhin rettet er mir den Tag.

Nach Zwischenstationen im Litfaß und bei Carlos beschließen wir den Tag mit Sponti-Kultur: Das Tübinger Harlekin-Theater präsentiert im Jubez seine Theatersportliche Impro-Show. Am besten gefällt mir das improvisierte Shakespeare-Stück Die Enterbung über einen Ritter, der nach langer Zeit in seine Heimat zurückkehrt und der rechtmäßigen Königin wieder auf den Thron hilft. Sie weint auf shakespearischste Art und Weise, und er fragt ebenso: "Was netzest Du Dein Aug'?" Natürlich kann es auch auf der Bühne keine Spontaneität ohne perfekte Vorbereitung geben, aber das Erstaunliche ist, daß man es der Truppe praktisch nicht anmerkt.

Björns Besuch endet am Sonntag mit einem Frühstück im Cielo in Durlach. Wir erleben weder eine Enterbung noch sonstige Machtspiele zwischen Königen, dafür aber ein Drama in besonders kleinem Stil: Die Bedienung hat mir die Nutella auf den Teller gelegt, die doch eigentlich Björn bestellt hat! Man muß das Auge nur für die richtigen Probleme schärfen, dann lebt man im allgemeinen ganz hervorragend.

Ceterum censeo

Alle schimpfen über billige Fotogalerien in Online-Medien, die stets nur einem einzigen Zweck dienen: Klicks sammeln, um Werbekunden mit enormen Nutzungszahlen zu beeindrucken. Die F.A.Z. bringt nun endlich einmal eine amüsante Klickstrecke. Horaz, Aristoteles & Co. kommentieren Phänomene des frühen 21. Jahrhunderts. Klickenswert!