Dienstag, 30. Dezember 2008

Nur tote Kinder sind gute Kinder

Die Zahl der Kindstötungen geht seit Jahren zurück. Das paßt den Spaßvögeln vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) natürlich überhaupt nicht in den Kram. Darum hat der BDK einfach einen obskuren Vergleichswert herangezogen, um irgendwie doch noch zu beweisen, daß da draußen immer mehr Kindermörder herumlaufen. Die Medien haben den Quatsch natürlich wie gewohnt ohne Gegenrecherche abgedruckt.

Montag, 29. Dezember 2008

Aufgelesen (7)

"Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.
Alle sahen ihn an.
Fertig, sagte Humboldt.
Ja wie, fragte Bonpland.
Humboldt griff nach dem Sextanten.
Entschuldigung, sagte Julio. Das könne doch nicht alles gewesen sein.
Es sei natürlich keine Geschichte über Blut und Verwandlungen, sagte Humboldt gereizt. Es komme keine Zauberei darin vor, niemand werde zu einer Pflanze, keiner könne fliegen oder esse einen anderen auf. Mit einer schnellen Bewegung packte er den Affen, der gerade versucht hatte, ihm die Schuhe zu öffnen, und steckte ihn in den Käfig. Der Kleine schrie, schnappte nach ihm, streckte die Zunge heraus, machte große Ohren und zeigte ihm sein Hinterteil."

Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt

Rechtsempfinden

Pünktlich zum Jahreswechsel freuen sich unsere Medien wieder einmal über den Untergang des Abendlandes: immer mehr rechtsradikale Straftaten auf deutschem Boden, pfui und juhu! Daß der Anstieg aber lediglich auf einer veränderten Erfassungsweise basiert, interessiert praktisch niemanden.

Only bad news are good news.

Samstag, 27. Dezember 2008

Zwei Wochen auf der Gefängnisinsel

Kuba feiert Anfang Januar 50 Jahre Mangelwirtschaft und Lebensmittelknappheit. Da man ja inzwischen weiß, welche Folgen derartige Jubiläen haben können, schauen wir uns den real existierenden Sozialismus vorher noch einmal ausgiebig an. Wer weiß, was nach Castro kommt!

Auf dem Flughafen werden mir mit allen kubanischen Ehren empfangen: Stromausfall, alle Kofferbänder stehen still! Doch schon in unserem Hotel in Havanna erkennt man den Einfluß des Klassenfeindes: Es gibt rund um die Uhr fließendes (warmes!) Wasser und Strom. Auch kulinarisch hatte ich mir den Kommunismus schlimmer vorgestellt. Der Kaffee erinnert an guten Tagen durchaus an Kaffee, die Butter ist ab und zu sogar genießbar, und die Milch ist ... Aber wen interessiert schon Milch!

Bei unseren Streifzügen durch die malerische Altstadt lernen wir schnell die drei Hauptbeschäftigungen der Kubaner kennen: 1. Herumstehen, 2. In Dreiergruppen "Arbeit" erledigen, 3. Herumstehen und Dreiergruppen bei ihrer "Arbeit" beobachten. Überhaupt scheint die Planwirtschaft so manchen Vorzug zu besitzen. Fidel höchstselbst zum Beispiel wohnt in einer Villa im Nobelstadtteil Miramar - so macht Sozialismus Spaß!

Apropos Spaß: Schon nach 2 Tagen entdecken wir ein Restaurant, in dem man beinahe kultiviert speisen kann - La Dominica. Doch auch hier wenden die Kubaner ihre beiden Tricks an, um gute Tischstimmung wirksam zu bekämpfen: a) Zwei Sekunden, nachdem man Gabel und Messer zur Hand genommen hat, spielt eine Live-Band auf - und zwar bevorzugt Hasta siempre, Chan Chan und das ganz und gar unerträgliche Guantanamera. Als Europäer sehe ich ja ein, daß Essen und Musik wichtige menschliche Tätigkeiten sind, aber bitte doch niemals gleichzeitig! b) Zwei Sekunden, nachdem man Gabel und Messer für einen Augenblick zur Seite legt, wird gnadenlos der Tisch abgeräumt. In diesem Punkt und nur in diesem legt ganz Kuba Wert auf höchste Effizienz.

Als nächstes besuchen wir das herrliche Viñales-Tal und schauen uns dort die Cueva del Indio an. Nach dem Mittagessen zeigt unsere Reiseführerin auf ein Loch im Felsen und kündigt an: "Wenn Ihr zurück zum Bus wollt, müßt Ihr durch die Hölle gehen!" Hängen Mangelwirtschaft und christliches Purgatorium wirklich so eng zusammen? Doch am Ende entpuppt sich alles nur als phonetisches Mißverständnis. Später führt man uns noch zum Mural de la Prehistoria, die wohl schlimmsten Attraktion der Insel. Die Natur wird noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte brauchen, um diese gigantische Wandmalerei zu neutralisieren.

Am nächsten Mittag geht es mit dem Flugzeug nach Santiago de Cuba - denken wir jedenfalls. Doch wir erfahren zunächst, daß unser Flug erst am Abend geht ... und später, daß er heute ausfällt. Warum, weiß niemand. Kurzerhand werden einige Kubaner aus dem Flieger nach Holguín geworfen, so daß wir ihre Plätze erhalten. Reisende sind für das Regime Gott sei Dank stets Bürger 1. Klasse - Sozialismus ist eben immer auch Asozialismus. Von Holguín fahren wir dann mit einem Schrottbus weiter und kommen mit nur einem halben Tag Verspätung an der karibischen Küste an. All dies ist natürlich kein Grund, an den Errungenschaften der Revolution zu zweifeln!

Piraterie ist heute auf Kuba nur noch an Touristen erlaubt, früher ging es auf der Insel allerdings weitaus wilder zu. Doch Obacht: pirata non est pirata! In der Hafenfestung El Morro werden wir über den Unterschied zwischen Freibeutern, Seeräuber und anderen Lumpengesellen aufgeklärt und stoßen auch auf Jacques Jean David Nau, den wohl häßlichsten aller Piraten. Mit dem Gesicht blieb ihm aber auch gar nichts anderes übrig!

Unser Tour führt uns auf den Spuren von Fidel & Che weiter nach Norden. In jedem Dorf stoßen wir auf revolutionäre Durchhalteparolen, die Hälfte aller Kindergärten, Schulen und Imbißstuben ist nach dem "Vater der Kubaner" José Martí oder dem 1. Januar benannt. Ist in Kuba nach 1959 denn wirklich überhaupt nichts Wichtiges mehr passiert? Schließlich landen wir im Städtchen Camagüey, das zum Schutz vor Piraten wie ein Labyrinth angelegt wurde. Es ist außerdem die einzige Stadt der Welt, in der man mit dem Fahrrad in die Kirche fahren kann. Pray-In, eigentlich ja eine sehr US-amerikanische Idee! Später entdecken wir in Trinidad den einzigen kubanischen Frühstückstisch, der europäischen Ansprüchen genügen kann. Allerdings steht er in einem Museum und gehörte mal dem Zuckerbaron Brunet. Apropos Frühstück: Als ich am nächsten Morgen im Frühstücksraum ein wenig am Müslispender drehe, bricht der ganze Apparat zusammen. Anschlag auf den Apparat - wie revolutionär!

Unsere Reise endet in der Hölle von Varadero (die Hölle, das sind die anderen!). Ohne es zu wissen, hatten wir ein Superior-Zimmer gebucht. Und "superior" heißt: in unmittelbarer Nähe zum entsetzlichen Animationsbereich. Glücklicherweise können wir unser Zimmer tauschen. Am 24.12. möchte uns die Hotelbesatzung mit einem festlichen Dinner noch einmal die Überlegenheit des sozialistischen Wirtschafts-systems beweisen. Und tatsächlich: Es bilden sich sofort lange Schlangen vor dem Hotelrestaurant, q.e.d.! Aber immerhin funktioniert nun auch wieder eine der beiden Kaffeemaschinen.

Hasta la victoria siempre!

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Säbelrasseln vor Mogadischu

Die EU schickt ca. sechs Kanonenboote an die somalische Küste, um den Welthandel vor Piraten zu schützen. Die beeindruckende Flotte soll ein Gebiet unter Kontrolle halten, das in etwa die Größe von Frankreich und Deutschland zusammengenommen hat.

Fortschrittliche Politiker denken jetzt bereits über Schlußfolgerungen für die innere Sicherheit nach, wenn das Effizienzprojekt Erfolg haben sollte. Sicherheitsexperten gehen davon aus, daß in den südlichen Bundesländern ca. fünf Streifenpolizisten und ein Kriminalbeamter die öffentliche Ordnung gewährleisten könnten. In den nördlichen Bundesländern gelten ähnliche Zahlen als machbar, hier käme allerdings wohl noch ein Schülerlotse hinzu. Deutschland und Spanien verhandeln zudem über die Einstellung eines gemeinsamen Feuerwehrmannes.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Aufgelesen (6)

"In demselben Jahr ... erblickte weit weg ... ein Knabe das Licht der Welt. Sein Name war RH Bing. Nein, das ist kein Druckfehler, es fehlen keine Punkte zwischen den Initialen. Das R und das H sind nicht die Initialen seiner Vornamen. Sie sind sein Vorname. Er wurde Arhaitch oder so ähnlich gerufen ... Natürlich führte der seltsame Vorname zu Verwirrung und Geschichten ohne Ende. So wird erzählt, daß Bing, als man ihn zum Professor an der Universität von Wisconsin ernannte, gefragt wurde, was auf dem Namenschild stehen solle. Seinem Vornamen treu, erwiderte er: 'R only, H only, Bing'. Als er zu seinem neuen Büro kam, fand er auf dem Namensschild neben der Tür die Inschrift 'Ronly Honly Bing'".

George S. Szpiro, Das Poincaré-Abenteuer

Montag, 8. Dezember 2008

Noch mal Pinakothek

Das mit großem Abstand trivialste Bild der gesamten Neuen Pinakothek befindet sich übrigens in Saal 21a. Es heißt Rosse des Neptun und stammt von Walter Crane.

Volksbank und Wohlfahrt

Deutschlands bester Koch Harald Wohlfahrt wirbt auf Plakaten für die Volksbank Karlsruhe. In der Hand hält er eine Pfanne, darüber steht in der Headline, daß die Abgeltungssteuer ein heißes Thema sei. Ein Marketingschlaukopf dachte offenbar, daß durch die Verbindung von Geldanlage und kulinarischen Genüssen dem Betrachter Appetit gemacht wird.

Doch eine dermaßen infantile Kundenansprache wirft natürlich Fragen auf. Zum Beispiel: Haut die Volksbank ihre Kunden mit diesem Angebot in die Pfanne? Oder kommt man mit ihrer Anlageberatung in Teufels Küche?

Die alte Plakat-Großleistung der Sparkassen-Versicherung gefällt mir aber nach wie vor eine Spur besser.

In Minga samma

In der Neuen Pinakothek läuft gerade die Sonderausstellung Der weite Blick mit Bildern aus dem Amsterdamer Rijksmuseum - das ist natürlich ein schöner Anlaß, endlich mal wieder an die Isar zu fahren.

Irgendwo auf der Schwäbischen Alb machen wir Rast und entdecken sogleich den ersten Witz des Tages. Auf dem Parkplatz steht ein Bandbus mit der Aufschrift "Das Musikereignis aus Süddeutschland". Früher gab es Trompeter, Schlagzeuger, Gitarristen - heute also "Musikereignisse". Soso.

Gleich nach der Ankunft machen wir uns auf den Weg zur Neuen Pinakothek und sind auf Anhieb begeistert von den grantelnden Mitarbeitern. Das ist München! Die Ausstellung selbst ist dann bemerkenswert pädagogisch. Der Impressionismus wird als recht lineare Weiterentwicklung vorheriger Kunstströmungen gedeutet. Keine Revolution, kein Umsturz! Das ist natürlich echt bayerisch.

Ich bin ja in den letzten Monaten eher kulturpessimistisch gestimmt. Realistische Malerei fand ich immer schon trivial, Abstraktion aber zunehmend leider auch. Vielleicht läuft ja alles auf die berüchtigte Hofstadter-Kaskade hinaus: Zunächst findet man ein bestimmtes Werk zu seicht. Dann eine bestimmte Kunstrichtung. Dann die Kunst an sich. Und irgendwann sich selbst. Beim Rundgang stoßen wir immerhin auf zwei Maler, die wir noch nicht kannten: Anton Mauve und Giovanni Segantini, dessen Werke einen bemerkenswert individuellen Stil zeigen.

Kultur macht hungrig, und wir beschließen, pakistanisch essen zu gehen. Doch man kommt nur ins Restaurant, wenn man vorher klingelt. Das ist uns allerdings eine Spur zu münchnerisch. Also gehen wir ins Tresznjewski gleich nebenan, das auf seiner Karte ungewöhnlich für sich wirbt: Unter anderem würden hier "Professoren und ihre Studenten" speisen. Tief beeindruckt bestellen wir ein Sandwich und Treszis Spezialburger mit 180 Gramm Rindfleisch. Später erfahren wir, daß der Laden ein notorischer Treffpunkt der Schickeria ist. Münchnerischer geht's kaum. Und wir haben nicht mal Kir Royal geordert!

Zum Tagesabschluß treffen wir uns noch mit Sandra & Pit auf einen Kaffee irgendwo zwischen Stachus und Hauptbahnhof. Die beiden sind entgeistert: Wie könne man nur auf die Idee kommen, ausgerechnet während des Christkindlmarktes nach München zu reisen? Immerhin haben die Menschenmassen rund um den Marienplatz einen kleinen Vorteil: Auf dem Viktualienmarkt ist es vergleichsweise leer.

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Randalu im Kollektiv

Kristjan Randalu spielt mal wieder im Jazzclub Karlsruhe, diesmal mit dem TransAtlantic Collective. Man könnte einfach sagen, daß vier Spitzenmusiker handelsüblichen Modern Jazz handwerklich perfekt auf die Bühne bringen, wenn da nicht das Stück Traveling Song des Schlagzeugers(!) Paul Wiltgen mit einer wirklich packenden Melodie wäre. Den Herrn wird man sich merken müssen.

Kristjan Randalu gefällt mir aber wie immer dann am besten, wenn er allein oder mit möglichst wenigen anderen Musikern spielt. Wirklich ein Jazzpianist der Sonderklasse.

Schafschützen

NATO-Kampfflugzeuge haben in Afghanistan 200 rebellische Schafe getötet. Man habe sie irrtümlich für Taliban-Kämpfer gehalten.

Montag, 1. Dezember 2008

Von China lernen

... heißt siegen lernen. Zum Wohl des Bürgers möchte die Bundesregierung nun auch Glücksspielseiten sperren lassen, wenn sie im Ausland betrieben werden. Artikel 2 (1) GG? Ist doch vollkommen wurscht, wenn der Staat sein Glücksspielmonopol und die damit verbundenen Einnahmen schützen möchte.

Sonntag, 30. November 2008

GOTO Godot

Dank der unermüdlichen Anstrengungen unserer Kommunalpolitiker ist Karlsruhe eine Stadt, die sich bestens mit absurdem Theater auskennt. Doch wenn wirklich mal Warten auf Godot auf die Bühne gebracht wird, sollte man sich das natürlich trotzdem ansehen. Also ab auf/in die Insel, die Spielstätte des Badischen Staatstheaters für moderne Bühnenstücke.

Als treuer Hofstadter-Jünger hatte ich ja wirklich beinahe jahrzehntelang darauf gewartet(!), Warten auf Godot zu sehen, und beinahe ebensolang hatte ich der Versuchung widerstanden, das Stück zu lesen. Und ich muß sagen: Es hat sich gelohnt. Als alter Kantianer besitzt man natürlich automatisch eine gewisse Abneigung gegenüber allen Kunstformen und -werken, die irgendwelchen Zwecken folgen, doch diese Gefahr besteht bei absurden Theater natürlich in keinster Weise.

Und dennoch haben unzählige Theaterfreunde versucht, einen höheren Sinn oder eine Aussage im Stück zu finden. Beckett kannte ja seine Pappenheimer und hat gemeinerweise eine ganze Reihe von Interpretationssackgassen eingebaut, in die sich jeder zweite Kritiker natürlich gern verrennt - er selbst sah keinen Sinngehalt. Ich bin aber der Meinung, daß es eben doch eine Person gibt, die genau weiß, worin die Aussage des Stückes liegt: Godot selbst. Man muß ihn nur fragen, sobald er vorbeikommt. Ganz bestimmt morgen!

Die Aufführung selbst ist überraschend dicht und ohne größere Längen, keine ganz schlechte Leistung bei der Textvorlage. Die fünf Schauspieler überzeugen allesamt durch angenehme Absurdität. Zum Schluß noch eine feine Regieidee - sechs(!) Schauspieler verbeugen sich vor dem Publikum!



PS: Leider hatten wir diese Idee, nicht Regisseur Donald Berkenhoff. Ob das schon mal jemand so inszeniert hat? Und die große Preisfrage: Würde das Stück dadurch absurder oder realer?

Dienstag, 25. November 2008

Bundeskomikamt

Ruhig Blut! Der drohende Überwachungsstaat ist gar keiner, weil das BKA ja einen nicht weisungsgebundenen Datenschutzbeauftragten hat, der die Bürger vor behördlichem Übereifer schützen soll. Das wäre keine schlechte Sache, wenn ... ja, wenn der Datenschutzbeauftragte selbst nicht so furchtbar datengeschützt wäre. Niemand kennt seinen Namen, niemand darf ihn interviewen, niemand weiß, ob es ihn wirklich gibt. Das gibt es bei keiner anderen deutschen Behörde. Dafür aber bei der Immanuel-Kant-Universität Königsberg.

Genschman

Der Mann mit dem gelben Pullover spricht im überfüllten Audimax der Uni Karlsruhe. Natürlich im gelben Pullover. Zu Beginn entschuldigt er sich für seine Stimme, die im Herbst und Winter immer angeschlagen sei. Unter anderem aus diesem Grunde habe seine Sympathie auch immer dem Konzept der Zweitstimme gegolten. Lacher im Publikum. Übrigens, als Anfang der 90er Jahre Ötzi entdeckt wurde und aus seinem jahrtausendelangen Schlaf aufwachte, sei dessen erste Frage gewesen: Ist der Genscher noch Außenminister? Der Saal tobt. Genschman is back!

In seinem Vortrag geht es (angeblich) um "Die Rolle Europas im Kontext der Globalisierung". Tatsächlich spricht Genscher allerdings über das Vorbild, das die europäische Einigung der Welt geben kann. Globale Lösungen seien heute auf vielen Gebieten nötig, weil wir inzwischen in einer "interdependenten Welt" lebten. Phänomene hier hätten Auswirkungen auch dort. Hm ... War das nicht schon immer so? Weltwirtschaftskrise, Ölkrise, Saurer Regen, Agrarsubventionen, Stellvertreterkriege, Migration usw. usf. Aber wen interessieren bei einer politischen Legende schon Sachfragen.

Nach dem Vortrag besteht die Möglichkeit, den Referenten zu befragen. Möglichst kurz und präzise und keinesfalls Kurzreferate, bittet die Moderatorin - die stets durch zu lange Einführungen auffällt. Nachdrücklich weist sie darauf hin, daß sich jeder kurz vorstellen sollte, bevor er seine Frage stellt. "Klar, mache ich", erwidert ein Gast, zögert etwas und fährt dann fort: "Meine Frage ist folgende: ...". 800 Zuhörer sind begeistert. Performative Widersprüche an der Eliteuni!

Anschließend geht es noch in den Jazzclub zu Klima Kalima aus - natürlich - Berlin. Bevor es losgeht, berichtet Kalle Kalima kurz über einen religiös beschädigten Menschen, den er in New York kennenlernte. Religiös beschädigt! Die Begriffsinnovation des Monats! Und dann wird auch schon losge- ... äh ... -rockt? -jazzt? -wütet? Die Kategorisierung fällt schwer. Übrigens trägt die Band (mit Ausnahme des Schlagzeugers) gelbe(!) Hemden, wohl die einzige Gemeinsamkeit mit Hans-Dietrich Genscher.

Freitag, 21. November 2008

Wir können alles. Außer Hochfinanz.

Die LBBW, Lieblingslandesbank der Medien und bis vor kurzem noch für ihre "konservative Risikopolitik" gelobt, bekommt nun 5 Mrd. Euro frisches Kapital. Hinzu kommen vielleicht noch läppische 15-20 Mrd. Euro Kreditgarantien.

Schon wieder ein kräftiger Schluck aus der Pulle.
Wann tritt endlich die erste Flasche zurück?

Donnerstag, 20. November 2008

Weise Worte (1)

"Von der deutschen Toilette geht keine Gefahr aus."

Franz Daschner, F.A.Z, 20.11.2008

Milch, Milch, Milch

Allmählich kommt Bewegung in die unsinnigste Subvention Europas, nämlich die Agrarbeihilfen. Die Bundesregierung wäre aber nicht die Bundesregierung, wenn sie bei den Verhandlungen nicht doch ein klares Zeichen der Unvernunft (durch-)gesetzt hätte: Deutschlands Milchfonds (300 Millionen Euro) ist nach wie erlaubt. Durch diesen kann Milch auch weiterhin von solchen Bauern produziert werden, deren Milchproduktion unwirtschaftlich ist.

Und dieser wirtschaftspolitische Irrsinn, obwohl Seehofer doch gar kein Landwirtschaftsminister mehr ist. Chapeau!



PS: Erinnert sich noch jemand an Liechtenstein? Damals gab's wegen 100 Mio. Euro mehr Riesentrara.

Dienstag, 18. November 2008

'68 2.0

Noch darf in Deutschland demonstriert werden - das nutzen unsere Elitestudenten natürlich aus. Stolz zieht sich der Demonstrationszug beinahe die halbe Waldhornstraße entlang bis hin zum Kronenplatz. Ein erhabener Anblick für jeden aufrechten Demokraten.

Grund oder gar Zweck des Protestes bleiben aufgrund interpretationsbedürftiger Transparente allerdings im Nebel des universitären Diskurses. Immerhin tragen einige Studierende Plakate mit der sachlich nicht falschen Aufschrift "Demo". Ist damit endlich die Magritte-Inversion geglückt?

Ganz vorn entdeckte ich dann aber doch noch das Unvermeidbare, ein Transparent mit dem ewigen Leitsatz Karlsruhes: "Viel vor, wenig dahinter". Der Satz bezieht sich natürlich auf das Thema Studentenstadt 2015, scheint mir aber auch den Studierenden von heute recht angemessen zu fassen.

Ts, ts!

Kinder, was wäre das Leben ohne die Werbung! Die Karlsruher Sprachschule eduGLOBAL hat ihre Fenster mit Varianten des typischen Sprachschul-Spruchs beklebt: "Tu me comprends", "Do you understand me" usw. So weit, so normal.

Unschlagbar aber ihre deutsche Interpretation des Spruchs: "Verstehts du mich?"

Irratiopharm

Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Nach den Banken wollen jetzt auch die Autohersteller einen kräftigen Schluck aus der Pulle nehmen. Nun überlegen die Kanzlerin und ihr Koch, ob und wie man Opel unterstützen kann. Die Autoindustrie ist in Deutschland natürlichnatürlichnatürlich ein wichtiger Wirtschaftszweig, dem man in schwerer Not helfen muß. Jeder siebte Arbeitsplatz hängt vom Auto ab - das rechtfertigt Subventionen. Aber natürlichnatürlichnatürlich nur ausnahmsweise! Wie gestern bei den Banken oder morgen bei der Hälfte aller anderen Branchen. Daß Opel seinen Hauptsitz in Hessen hat und dort demnächst Wahlkampf ist, scheint unsere Medien aber nicht sonderlich zu interessieren. Hauptsache, man berichtet wahrheitsgetreu und gibt die Meinungen der Akteure wieder. Aber bitte niemals eigene Überlegungen anstellen.

Noch unglaublicher finde ich aber den Fall Adolf Merckle. Er verspekuliert ein Milliärdchen an der Börse, und nun soll das Land einspringen? Und darüber wird auch noch ganz ernsthaft diskutiert?

Subventionitis? Gibt's da nicht was von Ratiopharm?

Freitag, 14. November 2008

Die Schlacht ums Kühlregal

... ist entschieden. Der deutsche Verbraucher, die deutsche Kuh und die deutsche Politik kämpften monatelang Schulter an Schulter gegen billige Milch, doch nun hat das gewaltige Ringen ein Ende: Bei Aldi-Süd gibt es den Liter Milch wieder ab 49 Cent. Erneut hat der Kapitalismus seine häßliche Fratze gezeigt und ohne Rücksicht auf (Umsatz-)Verluste Preise durchgesetzt, die der Kunde freiwillig nie und nimmer akzeptiert hätte.

Eine angenehme Nebenwirkung hat die Preissenkung immerhin: Das Geld, das die Steuerzahler nun bei der Milch sparen, kann umgehend zur Rettung der Banken und anderer Firmen eingesetzt werden.

Brazil

Aus Respekt vor § 90a StGB sollte bitte kein Leser auf die Idee kommen, das BKA künftig "Geheime Bundespolizei" oder unseren rein vernunftorientierten Bundestag "Abnickbude" zu nennen. Aber nun ist er da, der Überwachungsstaat; der Bundesrat wird das Gesetz wohl nicht aufhalten. Zugleich wurde auch das Zeugnisverweigerungsrecht noch einmal eingeschränkt. Wie üblich fehlt die Begründung, warum die neuen Ermittlungskompetenzen denn überhaupt nötig sind. Die letzten verbleibenden Ärgernisse sind nun noch mündliche Gespräche unter Bürgern ohne Einsatz technischer Mittel. Mal schauen, was Schäuble und seinen Freunden in Zukunft noch einfällt.

Eines ist jedenfalls so gut wie sicher: Übereifrige Ermittlungsbehörden werden kaum etwas zu befürchten haben. Rabenvater Staat schlägt vielleicht bei Trivialdelikten zu, aber kaum einmal bei Machtmißbrauch in den eigenen Reihen.

Passend dazu eine Meldung aus Berlin: Hausdurchsuchung beim Journalisten Burkhard Schröder, weil er vor Jahren einen Text über Sprengchemie veröffentlicht hatte. Amtsrichter Ebe Ebsen sah unglaublicherweise einen Verstoß gegen das Waffengesetz. Eine offensichtlich unrechtmäßige Durchsuchung, doch Ebsen hat natürlich nichts zu befürchten. Was sind schon Bürger und ihre Rechte.

Ein großer Schritt für die Menschheit


Neben Rasierklingenherstellern zählt die Fitnessindustrie zu den innovativsten Bereichen der modernen Wirtschaftswelt. Der Firma SpeedFit ist nun ein Quantensprung gelungen. Mit ihrem neuen mobilen Laufband können Fitness-Sportler erstmals unter freiem Himmel Laufsport betreiben. Damit gehören stickige Trainingsräume und langweilige Fernsehprogramme auf dem Flachbildschirm der Vergangenheit an. Zugleich ist nun eine Schwierigkeit behoben, die die Menschheit seit Erfindung des Rades plagte: Endlich kann man zugleich laufen und fahren.

SpeedFit sucht übrigens noch Investoren.

Mittwoch, 12. November 2008

Jan Ullrich beweist Gott

Was haben sich unsere Scholastiker und Theologen über die Jahrhunderte abgemüht, Gottesbeweise zu finden! Der kosmologische Gottesbeweis, der ontologische, der teleologische, der kausale ... dazu all die Varianten, Widerlegungen, Wider-Widerlegungen bis hin zum großen Finale in Kants Kritik der reinen Vernunft. Doch ein einsamer Theoretiker wollte sich damit nicht zufriedengeben, obwohl der alte Königsberger in der Transzendentalen Dialektik (2. Buch, 3. Hauptstück, 7. Abschnitt) ganz klar sagt, daß "alle Versuche eines bloß speculativen Gebrauchs der Vernunft in Ansehung der Theologie gänzlich fruchtlos und ihrer inneren Beschaffenheit nach null und nichtig sind".

Denn Jan Ullrich hat Kant längst überwunden. Er ist vor Gericht freigesprochen worden. Also gibt es einen Gott.

Dienstag, 11. November 2008

Aufgelesen (5)

"There are sources of irrationality other than religious faith, of course, but none of them are celebrated for their role in shaping public policy. Supreme court justices are not in the habit of praising our nation for its reliance upon astrology, or for its wealth of UFO sightings, or for exemplifying the various reasoning biases that psychologists have found to be more or less endemic to our species."

Sam Harris, The End of Faith

Freitag, 7. November 2008

Papier-Vortrag

Im nächsten Jahr wird das Grundgesetz 60 Jahre alt, und so mancher hält das ja für einen Grund zum Feiern. So auch die Uni Karlsruhe, die eine kleine Vortragsreihe rund um das Thema gestrickt hat. Die Eröffnungsrede hält Hans-Jürgen Papier, der Präsident des Verfassungsgerichts. Zu Beginn wird darauf hingewiesen, daß er das fünfhöchste Staatsamt in Deutschland innehabe. Die Frage ist nur: Kommt der Fußballbundestrainer vor oder hinter ihm?

Zu den fünf besten Rednern der Republik gehört Papier ja nun allerdings nicht, und tatsächlich: Er beginnt seine Ausführungen mit dem einzigen Thema, das man niemals an den Anfang eines Vortrags stellen sollte: nämlich den Möglichkeiten, die ein Redner für den Anfang eines Vortrags wählen kann. Entweder hat die Rede also ein Praktikant im ersten Semester geschrieben oder er selbst.

Immerhin werden die folgenden 60 Minuten dann doch sehr viel erträglicher, als ich befürchtet hatte. Deutschland höchster Richter diskutiert diverse Ärgernisse, die ihn beschäftigen (Staatsverschuldung, Verhältniswahlrecht, Freiheitseinschränkungen) und äußert sich gegen Ende sogar einmal höchst unjuristisch: "Man muß doch auch mal witzig sein dürfen". Schön wär's!

Apropos: Die meisten Fragen werden von Physikstudenten gestellt. Nicht unamüsant, weil vor Beginn des Vortrags betont wurde, wie wichtig doch die Geisteswissenschaften für die Uni Karlsruhe sind.

Im Anschluß gönnen wir uns in bester Verfassung(!) noch ein Bier im Vogelbräu.

Donnerstag, 6. November 2008

Nomen est omen

Nun hat Amerika also erneut einen tiefgläubigen Präsidenten gewählt, der die Todesstrafe befürwortet. So weit, so bekannt. Mittels Anagramm-Analyse kann man dennoch einen deutlichen Unterschied zum amtierenden Präsidenten herausarbeiten. Interessanterweise scheint die Namensexegese eine tiefgreifende Verschiebung der amerikanischen Außenpolitik vorherzusagen:

Statt:
"George Walker Bush" - Gewehr Kabul Sorge

Nun also:
"Barack Obama" - Kaaba Car Mob

Rückzug aus Afghanistan, statt dessen US-Geheimoperationen in Mekka? Das hatte wirklich niemand erwartet. Wenig überraschend ist hingegen ist die metaphorische Aussage:

"George Bush" - So geh Grube

Amerikas Wirtschaft liegt bekanntlich am Boden. Erste Hinweise auf die neuen Schwerpunkte in der Wirtschaftsförderung liefert eine weitere Untersuchung:

"Barack Hussein Obama" - Abmarsch, baue Kasino

Allerdings droht dem neuen Präsidenten möglicherweise ein Komplott:

"Barack Hussein Obama" - Amok CIA/SUN absehbar

Foto: Leihgabe von Bernhard

Montag, 3. November 2008

Aufgelesen (4)

"'Es ist sonderbar. Weil man fälschlicherweise glaubt, der echte Nero habe Rom angezündet, muß jetzt zu Ehren dieses falschen Nero die Stadt Apamea ersaufen. Denn sonst hält die Welt unseren falschen Nero nicht für den echten.' - 'Ja', stimmte König Philipp zu, 'so krumme, aberwitzige Wege muß ein vernünftiger, gutwilliger Mensch gehen, wenn er Vernunft durchsetzen will. Humanität läßt sich auf diesem Erdkreis offenbar nur durch die dümmsten, niederträchtigsten Mittel beibringen.' Und fast körperlich spürten sie beide Ekel und Unmut über das Wahrhafte der menschlichen Natur, über die Gebrechlichkeit der menschlichen Vernunft."

Lion Feuchtwanger, Der falsche Nero

Sonntag, 2. November 2008

Maria Stuart im Staatstheater

Es ist wie bei Verdi und ver.di: Immer wenn ich an Schillers Maria Stuart denke, kommt mir seit letztem Jahr unfairerweise Elfriede Jelinek in den Sinn. Gerade vor dem Hintergrund von Schillers ästhetischer Theorie höchst unbefriedigend, aber leider wohl auf absehbare Zeit nicht zu ändern.

Sei's drum - wir wagen uns trotzdem in die Maria-Stuart-Aufführung im Badischen Staatstheater. Die Inszenierung von Boris von Poser ist nicht katastrophal, aber: Muß man im Theater denn immer zusätzliche Symbolik in die Stücke stopfen? Maria spielt praktisch die ganze Zeit aus einem Glaskäfig heraus, O.K. Doch warum muß auch Mortimer anfangs und zwischendurch unbedingt immer wieder in einem Kasten stecken? Klar, er ist im eigenen Glauben gefangen. Der Regisseur kann sich meinetwegen auch gern im stillen darüber freuen, daß er diese interpretatorische Entdeckung gemacht hat, aber er möge doch bitte das Publikum mit derartigen Trivialhinweisen verschonen. Und dann auch noch das: Plötzlich geht ein Alarmton los, als Maria den Käfig berührt. Die blödeste Idee des Jahres, Respekt!

Immerhin verbeugen sich am Ende des Stückes zwei Königinnen vor uns, das versöhnt natürlich. Und ich nehme einen herrlichen Satz von Amias Paulet mit, der sich durchaus als Leitmotiv jedes Dienstleistungsberufs eignet: "Gehorsam ist meine ganze Klugheit".

Auf dem Heimweg entdeckte ich neben der Evangelischen Stadtkirche noch ein schönes Plakat: Der grüne Gockel - für eine umweltfreundliche Kirche! Das sind doch mal gute Nachrichten: Allein schon aus Klimaüberlegungen sind Scheiterhaufen für die Kirche heute einfach keine Option mehr, die CO2-Emissionen der Ketzer und Häretiker würden uns ja in Teufels Küche bringen!

Dienstag, 28. Oktober 2008

Was will mir mein Über-Ich damit sagen?

Eigentlich suche ich nur nach dem günstigsten Preis für einen bestimmten PC-Lautsprecher. Also schnell billiger.de eintippen. Aber was sehe ich dann in der Adreßzeile meines Browsers? billig.erde. Da will man sich einfach mal nur preisbewußt verhalten, und das blöde Unterbewußtsein dankt es einem mit einer rätselhaften Botschaft. Billig-Erde - ist das Konsumkritik? Oder Öko-Esoterik? Oder der Produktname eines Gartenbaumarktes?

Nicht einmal auf das eigene Über-Ich kann man sich heutzutage noch verlassen.

Montag, 27. Oktober 2008

Ey Iran!

Wer hätte das gedacht! Ausgerechnet aus dem Iran kommt der beste und wahrscheinlich auch einzige Nationalhymnenscherz unserer Zeit: Von 1979 bis 1980 hieß die iranische Hymne doch tatsächlich Ey Iran. Wer hätte den gottesfürchtigen Herren diesen kumpelhaften Duktus zugetraut?

Die Retter der Kokosnuß

Nun ist es also soweit. Die Staatsbank West LB braucht viel Geld von ihrem Papa, gibt sich aber heldenhaft und unerschrocken: Man habe "keine Scheu vor einem großen Schluck aus der Pulle".

Ich übrigens auch nicht. Weiß jemand, wo ich anrufen muß, damit ich das Geld bekomme? Ein paar hundert Millionen würden genügen.

Samstag, 25. Oktober 2008

Ein Tag am Main

Wie üblich legen wir zum Jahresende hin einen Museumstag in Frankfurt ein. Dem ICE-Chaos zum Trotz kommen wir recht pünktlich am Main an und starten wienerisch im Alten Café Schneider. Uns gegenüber sitzt eine Mischung aus Ralph Giordano und Hans-Christian Ströbele. Der Herr bewegt sich betont langsam und wirkt dabei reichlich unzufrieden. Ein Hartz-IV-Empfänger? Nein, denn er wird plötzlich von einer Dame fotografiert. Offenbar also ein Künstler.

Nach der kleinen Stärkung machen wir uns auf dem Weg zum herrlichen Chinesischen Garten. Inzwischen kann ich ja durch keine Fußgängerzone mehr gehen, ohne sofort jeden billigen Wortwitz zu entdecken, und so stoße ich in der Zeil auf die Kanzlei von Rechtsanwalt Ralf Albern. Albern vor Gericht - ob das eine gute Strategie ist?

Als wir den Chinesischen Garten verlassen, müssen wir uns beim steinernen Drachen am Ausgang natürlich noch etwas wünschen, Ritus ist Ritus. Ich rolle die Steinkugel in seinem Maul vorschrifts- mäßig dreimal hin und her und wünsche mir inbrünstig, daß es mit dem elenden Aberglaube doch endlich einmal zu Ende gehen möge. Doch dummerweise habe ich die Kugel mit der linken Hand bewegt, das kann ja nichts werden! Übrigens steht direkt vor dem Garten ein Freiluft-Schachbrett. Schach, nicht Go - tz, tz!

Schließlich das Ziel unseres Ausflugs, die Schirn. Momentan läuft dort ja eine große Peter-Doig-Retrospektive, die man natürlich unbedingt gesehen haben muß. "Doig hat der Malerei das Atmosphärische zurückgegeben", "Bei Doig bleibt der narrative Aspekt im Ungewissen" usw. - ich kann das bald nicht mehr hören. Traut sich denn keiner zu sagen, daß auch in der Malerei heute fast alles trivial ist, weil man alles schon tausendfach an anderer Stelle gesehen hat? Bei Patenten spräche man von zu niedriger Schaffenshöhe, leider fehlt im Kunstjargon ein entsprechender Begriff. Immerhin schnappe ich im Vorbeigehen einen schönen Satz eines stirnrunzelnden Kunstkenners auf: "Wenn die Bilder eine gewisse Größe erreichen, wird der Rahmen unwichtig". In jeder Hinsicht ein wahres Wort!

Bevor wir nach Hause fahren, müssen wir endlich mal in die Touri-Pflichtgaststube, das Haus Wertheym direkt am Römer. Immerhin ist das Essen erwartungsgemäß reichhaltig.

Mogulpackung

Wir probieren den letzten Inder in Karlsruhe aus, den wir noch nicht kennen: das Mogul Mahal in der Weststadt. Schon vor dem Essen muß ich die ganze Zeit an Rudi Mahall denken. Ein Omen?

Die Bedienung ist flink und freundlich, das Gemüse aber stellenweise arg verkohlt. Anke hat in weiser Voraussicht einen Mangosaft bestellt, ich setze hingegen auf Lassi (zunächst Mango, später Banane). Doch die Getränke, die man mir vorsetzt, schmecken so sehr nach Sirup und so wenig nach echter Frucht, daß mir ein wenig der Appetit vergeht. Am Ende werden uns Desserts aufgetischt, die wir gar nicht bestellt hatten - eine Improvisation, die tatsächlich an Mahall erinnert.

Wahrscheinlich unser letzter Besuch im Mogul Mahal.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Vom Regen in die Taufe

Schon zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert nehme ich in gewissem Sinne freiwillig an einem Gottesdienst teil. Und diesmal gleich in der Champions League: Katholische Kirche, Stich! Freunde lassen ihr Kind taufen - das kann ja nicht so schlimm werden, denke ich mir zu Beginn. Der Conférencier sieht immerhin aus wie Rowan Williams, aber ob das heutzutage ein Vor- oder Nachteil ist, kann man ja gar nicht mehr sagen. In seiner Predigt beklagt er den schlimmen Zustand der Welt. Gerade angesichts der Finanzkrise müsse doch jeder erkennen, daß Geld vergänglich sei. Stimmt - allerdings Gott sei Dank nicht im Vatikan!

Nach einigen Lobpreisungen jenes höheren Wesens, das wir verehren, wird losgetauft. Es mag ja reichlich absurd erscheinen, daß Eltern für ihr wenige Monate altes Kind die Zugehörigkeit zu einer 2000 Jahre alten Weltanschauung erklären, die ihre Räume mit Abbildungen römischer Folterinstrumente schmückt. Allerdings entschädigt das humoristische Potential für alles, denn natürlich gehört der Gedanke auf andere Weltsichten ausgebaut. Die Eltern sind Sozialdemokraten? Dann wird das Baby auch in jüngsten Jahren schon Sozialdemokrat! Der Vater war Unternehmer? Dann wird das Kind im Alter von 4 Wochen IHK-Mitglied, später erhält es in der Schule getrennt von Arbeiterkindern Kapitalismusunterricht. Sonntags könnte man dann den Mammon anbeten.

Doch zurück ins Gotteshaus. Wir erleben, wie erwachsene Menschen(!) ganz ernsthaft(!) öffentlich(!) erklären, dem Satan zu entsagen. 250 Jahre europäische Aufklärung ... wofür? Kurz vor Schluß erleben wir immerhin noch einen vollkommen aufrichtigen Moment des Kirchenlebens: Der Klingelbeutel wird herumgereicht. Das versöhnt auch den skeptischsten Humanisten.

Kohle verfeuern

Welche Banken werden wohl als nächstes Milliardenverluste melden? Vieles deutet auf die LBBW und (wieder einmal) die WestLB hin. Ob am Ende überhaupt eine der Landesbanken ohne größere Blessuren davonkommt? Ob am Ende irgendein Politiker aus den Aufsichtsräten Konsequenzen fürchten muß? Ob am Ende die Krise wenigstens genutzt wird, um endlich einmal die unsinnigen deutschen Aufsichtsrat-Regelungen zu reformieren?

Nein. Nein. Nein.

Jauchhee!

Die Ehefrau von Günther Jauch hat eine Klage gegen den Burda-Verlag verloren. Sie wollte sich gegen die Veröffentlichung eines Hochzeitsfotos wehren. Nun hat aber das Oberlandesgericht Hamburg entschieden, daß die Hochzeit der Jauchs ein "hochrangiges zeitgeschichtliches Ereignis" war und die Veröffentlichung damit rechtmäßig.

Ein Fernseh-Quizonkel. Hochrangiges zeitgeschichtliches Ereignis. Deutschland 2008.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Aufgelesen (3)

"Er [Platon] faszinierte seine Landsleute, aber ging ihnen auch ebensosehr auf die Nerven. Als seine Lebensaufgabe bezeichnete er selbst die 'Menschenprüfung', das heißt: er ging überall herum und bewies den Leuten, daß sie alle miteinander nichts verstünden, und zwar ein jeder gerade in seinem Fach."

Egon Friedell, Kulturgeschichte Griechenlands

Firlefinanzpolitik

Politiker fühlen sich ja nur dann richtig wohl, wenn sie mal richtig viel Steuergeld ausgeben können. Zum Beispiel ein paar hundert Milliarden Euro, um eine Krise zu beseitigen, die von staatsnahen Instituten in den USA ausgelöst wurde und derzeit in Deutschland vor allem staatsnahe Banken betrifft. Trotzdem finden 63 % der Deutschen, daß Rabenvater Staat das Bankwesen stärker regulieren sollte. Und das, obwohl er es nicht einmal in seinen eigenen Banken schafft? Verstehe einer unsere mündigen Mitbürger.

Herrlich auch, daß unsere Politiker noch vor zwei Jahren eben jene Finanzkonstrukte in den höchsten Tönen lobten, die sie jetzt verteufeln (siehe auch hier). Es lebe die Konsistenz.



PS: Hier ein hervorragender Economist-Artikel über die Entwicklung der modernen Finanzwirtschaft.

Dienstag, 21. Oktober 2008

DABbank AG - Wir halten geheim und wir schuetzen die Informationen, die Sie uns vertrauen.

Sehr geehrte Kunde DAB Bank!
Wir verbreiten Kennwort nie. Tauschen Sie Ihren Kennwort jede ein Paar Monate.
Seien Sie sicher, dass Ihr Computer von den Programmen des Anti-Virus, der Sicherheit und des Schutzes von anti-spyware erneuert wird.
Laden Sie unsere letzte Software, um zu helfen, Ihren Eingang ins Internet

zu schutzen Hier>>

Brooks Mclain.
2008 Mannschaft der Unterstutzung der DAB Bank.



PS: Der Zeilenumbruch vor "zu schutzen Hier>>" hat mich beinahe an Durs Grünbein erinnert.

Montag, 20. Oktober 2008

Manchmal muß man Prioritäten setzen

Wenn es um Sport geht, übertragt die ARD jedes x-beliebige Ereignis bis zum bitteren Ende. Beim Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hingegen wurde die Übertragung kurz vor Schluß beendet - der Presseclub hätte sonst mit zehn Minuten Verspätung starten müssen. Öffentlich-rechtliches Qualitätsfernsehen.

Weniger Journalismus wagen

Stefan Niggemeier hat in einem Vortrag den gegenwärtigen Stand des Online-Journalismus beschrieben. Unbedingt lesenswert!

Dienstag, 14. Oktober 2008

Aufgelesen (2)

"Am allerwenigsten begriff der junge Mensch die diplomatische Bedeutung des Balletts. Mit Mühe zeigte ich ihm ... wie alle seine Tanztouren diplomatische Verhandlungen bedeuten, wie jede seiner Bewegungen eine politische Beziehung habe, so z.B. daß er unser Kabinett meint, wenn er sehnsüchtig vorgebeugt, mit den Händen weit ausgreift; daß er den Bundestag meint, wenn er sich hundertmal auf einem Fuße herumdreht, ohne vom Fleck zu kommen; daß er die kleinen Fürsten im Sinne hat, wenn er wie mit gebundenen Beinen herumtrippelt; daß er das europäische Gleichgewicht bezeichnet, wenn er wie ein Trunkener hin und her schwankt; daß er einen Kongreß andeutet, wenn er die gebogenen Arme knäuelartig ineinander verschlingt; und endlich, daß er unsern allzu großen Freund im Osten darstellt, wenn er in allmählicher Entfaltung sich in die Höhe hebt, in dieser Stellung lange ruht und plötzlich in die erschrecklichsten Sprünge ausbricht."

Heinrich Heine, Die Harzreise

Montag, 13. Oktober 2008

Auf dem Keschdeweg

Großes Expertentreffen in Neustadt an der Weinstraße. Christoph reist mit dem ICE aus Frankfurt an, Andree aus dem Nachbarort Mannheim und ich unbedachterweise mit den Regionalexpress aus Karlsruhe. In meinem Großraumabteil sitzen gleich mehrere pfälzische Wandergruppen, und je näher wir der Hauptstadt des Pfälzer Weins kommen, desto lauter wird der gruppeninterne Diskurs. Erleichtert steige ich in Neustadt aus.

Apropos Hauptstadt: Zufälligerweise wird in der 1a-Einkaufsstadt gerade das Deutsche Weinlesefest gefeiert, und auch Ihre Majestät Königin Marlies ist vor Ort. Doch wir sind ja überzeugte Anhänger der Republik und machen uns stolz auf den Weg zum Hambacher Schloß. Über Stock und Stein und Kastanien (immerhin befinden wir uns auf dem Keschdeweg) nähern wir uns dem Symbol der deutschen Demokratiebewegung und analysieren währenddessen fachkundig den Reich-Ranicki-Eklat. Endlich sagt mal einer, was alle anderen auch sagen!

Dann sind wir aber auch schon oben - und stehen vor verschlossenen Toren. Der Kristallisationspunkt der Freiheit ist bis Anfang November geschlossen. Aber was ist schon Freiheit im Vergleich zu einer deftigen Pfälzer Mahlzeit! Kurzentschlossen kehren wir in der Burgschänke Rittersberg gleich nebenan ein und stärken uns mit Fisch bzw. Saumagen. Die Bedienung kann uns leider nicht verraten, welche Rebsorten in unserer Cuvée P-A-N vom Weingut Stortz-Nicolaus stecken. Als sie nach einer kurzen Pause wieder am Tisch erscheint, klärt Andree sie souverän auf: Es handele sich sicher um Merlot, Cabernet Sauvignon "und einen Hauch Syrah"! Die Dame ist tief beeindruckt, doch dann gibt Andree völlig ohne Not die schönen Prestigepunkt wieder ab: Er habe die Information eben mit seinem Handy ergoogelt.

Nach ein paar weiteren Wanderkilometern beginne ich meine Muskeln zu spüren. Wir gönnen uns noch Kaffee und Kuchen in der bedrückenden Innenstadt (siehe Bild) und probieren zum Abschluß auf dem Weinlesefest noch einen sehr mageren Riesling von der Hambacher Winzergenossenschaft. In meiner rechten Wade kündigt sich inzwischen ein kolossaler Muskelkater an. Schlechter Riesling ist offenbar nicht gut für die menschliche Muskulatur.

Bundeswurstkreuz

Die Wursttheke des Scheck-in-Marktes in Baden-Baden erhält die höchste Auszeichnung, die die Nation überhaupt an ihre Wursttheken vergeben kann. Künftig wird "... eine farbenprächtige, rund 50 Zentimeter große Skulptur aus Würsten und Schinken, entworfen vom international bekannten Künstler Otmar Alt, ... die Blicke auf sich ziehen".

Wir gratulieren!

Donnerstag, 9. Oktober 2008

"Horkheimer ... hat nichts Bedeutendes verfaßt"

Wenn Ralf Dahrendorf fünf Minuten spricht, sagt er mehr interessante Dinge als alle anderen deutschen Intellektuellen zusammengenommen ein ganzes Jahr lang. Die F.A.Z. hat mit ihm in ihrem Lesesaal gesprochen.

Hexxagon

Hexxagon ist ein wunderbares abstraktes Strategiespiel mit leichten Regeln. Die optimale Zerstreuung für anstrengende Bürotage. Viel Vergnügen!

Hexxagon made by Neave Games

BILD Dir Deine Meinung

a) Spiegel online

Schlagzeile: "IWF sagt deutscher Wirtschaft rasante Talfahrt voraus"

Im Text dann: "Die deutsche Wirtschaft werde 2009 überhaupt nicht mehr wachsen, sagt der IWF in seinem halbjährlichen Weltwirtschaftsausblick voraus. Für 2008 prognostizieren die Experten Deutschland noch ein Wachstumsplus von 1,8 Prozent."


b) Sogar noch mehr Schlagzeilenpanik bei der F.A.Z.:

Schlagzeile: "Weltwirtschaft am Rand des Abgrunds"

Im Text dann: "Das deutsche Wachstum werde sich auf 1,8 Prozent verlangsamen, hieß es am Mittwoch aus Washington ... In China beispielsweise sagt der IWF für 2009 ein Wachstum von 9,3 Prozent voraus, verglichen mit erwarteten 9,7 Prozent in diesem Jahr."

Dienstag, 7. Oktober 2008

Soldatenverarbeitung

Seit Anfang der 90er ist es sein sehnlichster Wunsch, nun geht Wolle Schäubles Traum vielleicht bald in Erfüllung: Die große Koalition der beiden Karnevalsvereinigungen hat sich darauf geeinigt, daß die Bundeswehr künftig auch im Inland eingesetzt werden kann. Dazu muß bloß dieses komische Gesetz angepaßt werden, bei dem ärgerlicherweise immer so viele Abgeordnete zustimmen müssen., wenn es geändert werden soll.

Wenn die Mullahs also bald mal eine schmutzige Bombe in Berlin zünden, kann der Alexanderplatz mit Panzern abgesperrt werden. Das erhöht das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger und steigert außerdem den Nutzwert des teuren Kriegsgeräts. Karlsruher Sicherheitskreise überlegen bereits, Ampelsünder künftig mit Tornados jagen zu lassen, wenn es Anhaltspunkte für einen islamistischen Hintergrund gibt.

Auch bislang rückte die Bundeswehr natürlich munter aus, wenn es gerade in den Kram paßte. Doch in Zeiten der globalen Irrungen erkennt die deutsche Politik, daß es ohne gesetzmäßige Ordnung nicht geht. Darum also der mühselige Weg über die Grundgesetzänderung.

Warum gesteht eigentlich niemand, daß Panzer auch Klimakiller sind? Dann wäre die politische Narretei doch perfekt.

Montag, 6. Oktober 2008

Man kriegt die Krise

Wenn man sich die deutsche Berichterstattung über die allgegenwärtige Finanzkrise anschaut, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Weil der globale Kasinokapitalismus versagt habe, müsse endlich mehr reguliert werden? Die Liberalisierung habe sich als Irrweg erwiesen? Moment mal: Ausgangspunkt der ganzen Angelegenheit war der Hypothekenmarkt, sicher einer der reguliertesten Finanzmärkte in den USA. Die beiden zentralen Akteure waren Fannie Mae und Freddie Mac, sicher zwei der staatsnächsten Firmen im amerikanischen Finanzmarkt. Und einer der wichtigsten Krisenantreiber war die Niedrigzinspolitik der amerikanischen Notenbank. Und trotzdem soll wieder der böse Kapitalismus Schuld haben?

Letztlich haben sich doch alle Akteure so verhalten, wie Papa Staat es gewollt und belohnt hat: das eigene Häusle schön mit bis zu 130 Prozent des Schätzwertes beleihen, natürlich bei Fannie oder Freddie. Oder ein eigenes Haus bauen, auch wenn es das eigene Einkommen vielleicht gar nicht zuläßt (hier ein schöner Artikel der New York Times vom September 1999 über den Beitrag der Clinton-Regierung zur heutigen Krise).

Einen sehr schönen Kommentar gibt es wie so oft auch bei politplatschquatsch.

Freitag, 3. Oktober 2008

Jean-Paul Brodbeck

Da staunte nicht nur die Fachwelt: Ein Jazztrio aus dem frühen 21. Jahrhundert bearbeitet einige der schönsten Liedmelodien des späten 19. Jahrhunderts? Doch Jean-Paul Brodbeck gelang mit seinem Projekt Song of Tchaikovsky eine kleine Sensation. Das Erfolgsgeheimnis war vielleicht, die wunderschönen Melodien des großen Romantikers eben nicht durch zu viel Abstraktion zu entkräften, sondern sie in ihrer Schönheit stehen und wirken zu lassen.

Im Jazzclub Karlsruhe überzeugen die drei Tschaikowsky-Freunde von der ersten Minute an. Leider spielt Samuel Rohrer diesmal nicht mit, aber auch Andreas Pichler ist ein echter Könner seines Fachs.

Mal schauen, wann sich das erste Jazztrio an Ohrwürmer von Wolfgang Rihm wagt.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Aufgelesen (1)

"Ich sah dem Chef ins Gesicht und doch an seinem Gesicht vorbei nach draußen. Hinter ihm gab es ein großes Fenster, das den Blick auf eine belebte Straße freigab. In diesem Augenblick begann draußen ein Mann, ein neues Plakat auf eine Werbewand zu kleben. Es war ein riesiges buntes Plakat für eine neue Halbbitter-Schokolade. Es dauerte keine halbe Minute, dann war ich in das Wort halbbitter vertieft. Ich begriff, daß ich mich selbst in einer halbbitteren Situation befand."

Wilhelm Genazino, Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

Kindergeburtstag

Google bietet inzwischen ja praktisch alles an, seit kurzem sogar eine Zeitmaschine. Anläßlich des 10jährigen Firmenbestehens kann man nämlich im Google-Index von 2001 recherchieren und schauen, wie winzig damals noch das Internet war. Lustig ist die Google-Zeitleiste: Angeblich feiert man in Mountain View jedes Jahr gleich mehrere "Meilensteine". Vorbildlicher Wortgebrauch!

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Wipfeltreffen

Björn löst sein Geburtstagsgeschenk ein: einen Tag im Kletterpark in Kandel. Die Aufgabenteilung in unserer Gruppe ist klar: Während die anderen in 10-15 Metern Höhe herumkraxeln, soll ich von unten die peinlichsten Momente fotografisch festhalten. Angstverzerrte, schreckensbleiche Gesichter - darauf bin ich aus. Doch leider kommt erstens alles anders, und zweitens als man denkt.

Nachdem sich alle mit Helm und Klettergeschirr ausgerüstet haben, trennt sich die Gruppe. Günther wählt die Seilrutsche und damit Parcours 9. Anke, Björn und Alex sind etwas vorsichtiger und entscheiden sich für die vergleichsweise harmlose Wackelbrücke über die Straße. Keine 2 Minuten später stellen sie jedoch erschrocken fest, daß es sich um den etwas kniffligeren Parcours 11 handelt. Tja, Vorsicht ist eben nicht immer die Mutter der Porzellankiste. Sondern manchmal auch die Tante oder gar die Großnichte.

Leider wollen mir während der Kletterei nicht die gewünschten Schnappschüsse gelingen. Alle bewegen sich beeindruckend professionell und zielstrebig durchs Geäst. Meine Enttäuschung ist groß, bis nach den 3 Stunden im Kletterpark das Gespräch irgendwie auf Dekadenz kommt. Alex gelingt mit einem kleinen Satz der große Wurf: "Nur reiche Länder können es sich noch erlauben, Müll wegzumschmeißen". Ich weiß bis heute nicht, ob der Gedanke unsinnig oder genial, empirisch oder fiktiv ist, aber immerhin rettet er mir den Tag.

Nach Zwischenstationen im Litfaß und bei Carlos beschließen wir den Tag mit Sponti-Kultur: Das Tübinger Harlekin-Theater präsentiert im Jubez seine Theatersportliche Impro-Show. Am besten gefällt mir das improvisierte Shakespeare-Stück Die Enterbung über einen Ritter, der nach langer Zeit in seine Heimat zurückkehrt und der rechtmäßigen Königin wieder auf den Thron hilft. Sie weint auf shakespearischste Art und Weise, und er fragt ebenso: "Was netzest Du Dein Aug'?" Natürlich kann es auch auf der Bühne keine Spontaneität ohne perfekte Vorbereitung geben, aber das Erstaunliche ist, daß man es der Truppe praktisch nicht anmerkt.

Björns Besuch endet am Sonntag mit einem Frühstück im Cielo in Durlach. Wir erleben weder eine Enterbung noch sonstige Machtspiele zwischen Königen, dafür aber ein Drama in besonders kleinem Stil: Die Bedienung hat mir die Nutella auf den Teller gelegt, die doch eigentlich Björn bestellt hat! Man muß das Auge nur für die richtigen Probleme schärfen, dann lebt man im allgemeinen ganz hervorragend.

Ceterum censeo

Alle schimpfen über billige Fotogalerien in Online-Medien, die stets nur einem einzigen Zweck dienen: Klicks sammeln, um Werbekunden mit enormen Nutzungszahlen zu beeindrucken. Die F.A.Z. bringt nun endlich einmal eine amüsante Klickstrecke. Horaz, Aristoteles & Co. kommentieren Phänomene des frühen 21. Jahrhunderts. Klickenswert!

Montag, 29. September 2008

Seehofer gewinnt Bayern-Wahl

Schwere Schlappe für die Sozialdemokraten bei der CSU: minus 17 Prozentpunkte, das soll ihnen erst mal einer nachmachen! Nun fragen sich natürlich alle, wie es weitergehen soll. Die Lehre aus der verlorenen Wahl kann nur lauten: Die CSU muß dem Wähler a) noch mehr Bayern und b) noch weniger wirtschaftlichen Sachverstand bieten. Es wird also alles auf Horst Seehofer als neuen Parteichef hinauslaufen.

Schön aber, daß alle Medien willig den schönen Satz von Christine Haderthauer gebracht haben: "Ein schwarzer Tag für die CSU". Schwarz und CSU ... das paßt doch eigentlich ganz gut zusammen?

Montag, 22. September 2008

Der Darwinismus kämpft ums Überleben

Spiegel online hat sich mit Harun Yahya unterhalten, dem Kämpfer gegen die böse Evolutionstheorie. Natürlich hat Yahya recht, wenn er die Evolutionstheorie für unplausiblen Quatsch hält. Mit seinem Gegenvorschlag, Allah sei der Schöpfer allen Seins, liegt er aber grundfalsch. Bekanntlich wurde die Welt vom Fliegenden Spaghettimonster erschaffen, und Allah ist lediglich eine seiner spirituellen Fallen, um unseren wahren Glauben zu prüfen.

RAmen!

Sonntag, 21. September 2008

Wein und Gemüse

Die Gemeinde Siebeldingen gehört dem Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Forschungsanstalt und einen berühmten Winzer, wo der Wein sehr gut ist. Im Frühherbst lädt das Dörfchen zur kulinarischen Weinbergwanderung, und in diesem Jahr wandern wir erstmals mit.

Wir parken im Dorf und machen uns dann auf den 6 Kilometer langen Rundkurs durch die Siebeldinger Weinberge. Alle 500 Meter kann man eine Ruhepause einlegen und an Ständen die Weine der örtlichen Winzer verkosten. Wir machen allerdings erst Station im Geilweilerhof, dem Rebenforschungsinstitut des Bundes: Wissenschaft, Wein und ein reichhaltiges Menü, das ist doch eine überzeugende Kombination. Nach einem saftigen Gulasch vom Pfälzer Reh besichtigen wir das Labor und staunen, daß bei der Führung sorgsam das Wort "Gentechnik" vermieden wird. Da müssen wir natürlich gleich nachfragen und stoßen auf einen wunden Punkt. Man hat im Geilweilerhof offenbar nicht die besten Erfahrungen mit dem Wissenschaftsverständnis von Volk und Politik gemacht. "Ach, die Frau Künast!"

Eine halbe Stunde später schauen wir noch beim Weingut Ökonomierat Rebholz vorbei, laut Gault-Millau ja der beste Winzer der Pfalz. Der ausgeschenkte Spätburgunder hat sicher viel Holz gesehen, aber ist er so viel besser als die vielen anderen guten Spätburgunder? Dasselbe beim Gewürztraminer: sehr schön sortentypisch und elegant, aber herausragend? Vielleicht sollten die Gault-Millau-Leute mal konsequent die Blindverkostung einführen.

Ein so gesunder Tag kann natürlich nur vitaminreich ausklingen. Zufälligerweise spielt ausgerechnet heute das Wiener Gemüseorchester im Nationaltheater Mannheim, und wir erleben ein außergewöhnliches Konzert. Die Stücke sind stark perkussiv geprägt, und beim Song Krautrock fliegen buchstäblich die (Kohl-)Fetzen, wow. Nach einer Stunde ist die Bühne voller Gemüseabfälle, und wir stellen uns die bange Frage: Ob das Gemüseorchester wohl jemals von Bob Geldof zu einem Live-Aid-Konzert eingeladen wird?

Dienstag, 16. September 2008

Face value

Im Bremer Sprachblog bin ich jetzt auf ein wunderbares Wort aus der (angeblichen) Jugendsprache gestoßen: "Geld-zurück-Gesicht". Jetzt stellt sich natürlich eine wichtige Frage: Ist das ein Witz von oder über Didi?

Montag, 15. September 2008

Krieg, Kandel und Karlsruhe

Man muß die Provinz dann und wann am Glanz der Hauptstadt teilhaben lassen, sonst verliert sie die Lust an den Tributzahlungen. Was in der römischen Kaiserzeit galt, kann auch für unsere Republik nicht falsch sein. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen zieht es zwei Profiteure des Länderfinanz-ausgleichs nach Karlsruhe: Bernhard und Martin.

Das Wochenende startet friedlich im Besitos am Marktplatz. Man hat vom Weinbrenner zwar die Räumlichkeiten übernommen, aber nicht das Servicekonzept - eine weise Entscheidung. Und so werden wir freundlich, kompetent und schnell bedient; in diesem Haus ja eine ganz und gar ungewohnte Erfahrung. Später geht es weiter zu Carlos, seit einiger Zeit ja meine Lieblings-Cocktailbar in Karlsruhe (inzwischen habe ich von Guido erfahren, daß es im Grunde auch die einzige richtige Cocktailbar der Stadt ist, aber das müssen die Berliner ja nicht wissen). Erst um 4 Uhr sind wir zu Hause.

Am Samstag wird es dann ernst. Das Wochenende hat ja wie gewohnt die Weltherrschaft zum Thema, doch statt der ursprünglich geplanten Strategieklassiker Civilization oder Diplomacy greifen wir zu Wallenstein. Das vergleichsweise junge Spiel bringt den Dreißigjährigen Krieg herrlich authentisch ins Wohnzimmer: Alle bekriegen sich gegenseitig, und das hungrige Bauernpack muß am meisten leiden. Frank errichtet eine Gewaltherrschaft im Norden, Bernhard baut eine gigantische Drohkulisse am Rhein auf, und Martin und ich verwüsten tit-for-tat die bayerischen Lande. Toll!

Mit leerem Magen wird man auch des schönsten Krieges irgendwann überdrüssig. Am frühen Abend fahren wir also nach Kandel ins 3 Mohren, den anderen Hähnchenspezialisten der Pfalz. In den Fenstersimsen stehen überall glückliche Hühnerfiguren, aber wir fragen uns, ob das Haus in Hähnchenkreisen wirklich so beliebt ist? Egal. Die Hähnchen sind wie üblich knackig, und alle sind zufrieden - bis Bernhard eine bizarre Bitte äußert. Ob er denn mal einen gebratenen Gockel in der Küche fotografieren dürfe? Ehrfurchtsvoll blickt die Bedienung auf seine 6.000-Euro-Kamera und fragt vorsichtig, ob er Fotograf sei? Dem Künstler gelingt spontan eine fabelhaft-geheimnisvolle Antwort: "Unter anderem".

Nach knusprigen Hähnchen in der Pfalz dann das exakte Gegenteil: zeitgenössische Musik im ZKM. Matthias Ockert präsentiert sein neues Werk, die Komposition Primum Mobile. Wie bei so vielen zeitgenössischen Stücken steht auch hier nicht die Musik im Vordergrund, sondern ihr Entstehungsprozeß. Ockert hat für Primum Mobile auf Verfahren der Informatik zurückgegriffen, mit denen man die Zufallsverteilung der Töne oder Tonhöhen oder was auch immer kontrollieren kann. Das ist technisch natürlich alles sehr interessant, doch musikalisch leider auch weitgehend wertlos. Wie immer ist das Publikum begeistert, aber alles andere als frenetischer Applaus ist bei zeitgenössischer Musik ja auch gar nicht mehr denkbar. J'en ai marre!

Sonntag morgen begehe ich dann den großen Fehler des Wochenendes. Weil es so schön zentral liegt, schlage ich für unser Frühstück das Café Böckeler vor, das von allen denkbaren Eigenschaften eigentlich nur eine einzige vollkommen besitzt: Authentizität. Und so bekommen unsere Berliner kurz vor Schluß noch den Eindruck, daß Karlsruhe nicht nur so heißt, sondern auch so ist.

Freitag, 12. September 2008

Selbstbezügliches, Allzuselbstbezügliches

Sieh mal einer an! Als echter Jünger entdeckt man seinen Hofstadter tatsächlich in allem. Bei einem kleinen YouTube-Ausflug stoße ich auf ein uraltes Musikvideo von Savatage - When the Crowds Are Gone. Natürlich ist das Stück genau so pathetisch, wie es sich für Schwermetaller Ende der achtziger Jahre gehört. Die ersten 25 Sekunden des Videos muß man sich aber unbedingt angesehen haben: Savatage haben hier die bedeutungsschwere Belanglosigkeit gewisser Bereiche der westlichen Kultur wunderbar herausgearbeitet, für die uns so mancher Islamist heute haßt.

Da möchte ich natürlich sofort mehr erfahren und lande schnell bei der treuen Gefährtin Wiki, wo ich erfahre, daß das verstorbene Bandmitglied Christoper Oliva "auch heute noch als einer der unterbewertetsten Gitarristen der Rockmusik" gilt. Was für ein Superlativ! Noch schöner wäre allerdings der Ehrentitel Unterschätztester Gitarrist aller Zeiten.

Und nun kommt Doug Hofstadter ins Spiel, der ja einst fragte, welches die kleinste uninteressante Zahl. 1 ist die erste Zahl, darum natürlich höchst interessant. 2 ist die erste gerade Zahl - soso! 3 ist die erste Primzahl - aha! Und so weiter und so fort. Fast jeder Zahl kann man eine interessante Eigenschaft zuordnen. Irgendwann landet man dann aber bei der ersten uninteressanten Zahl. Und ist natürlich gerade deswegen außerordentlich interessant.

Donnerstag, 11. September 2008

Bärig


Auch nach der Lektüre des laut F.A.Z. besten Buches zum Thema bin ich der Meinung, daß ein wissenschaftlicher Beweis des anthropogenen Treibhauseffekts noch immer aussteht.

Immerhin hat uns die Klima-Diskussion aber diesen schönen Werbespot der New Yorker Werbeagentur Ogilvy beschert. Film ab!

Tomaten auf den Ohren

Vor nicht mal drei Monaten hat Geli die kitchen music erfunden, und jetzt stellt sich heraus: Ihre Erfindung war gar keine. Das - natürlich! - Wiener Gemüseorchester musiziert schon seit zehn Jahren auf Gurken, Zucchini und Kartoffeln! Nach Arcimboldo nun schon der zweite Beweis dafür, daß Acker- und Hochkultur gar nicht so weit voneinander entfernt sind.

Mittwoch, 10. September 2008

Richtungsweisend

Wer mag sich jetzt noch über den deutschen Schilderwald beschweren? Während eines Spaziergangs auf dem Turmberg entdecken wir einen Wegweiser, der wirklich jeden Verkehrsteilnehmer zum Ziel führt.

Dienstag, 9. September 2008

Ab in die Anstalt

Gibt es da draußen noch irgend jemanden, der Vertrauen in unseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat? Werfen wir zur Feier des Tages mal einen Blick in § 11 (2) des Rundfunkstaatsvertrages:

"Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat in seinen Angeboten und Programmen einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben und Verständnis für die Politik faschistoider Gottesstaaten zu schaffen".


Der letzte Halbsatz ist natürlich dazugemogelt, aber furchtbar weit weg von der Realität scheint er nicht zu sein. David Harnasch hat in seinem Blog wieder mal eine ZDF-Sendung aufgegabelt, die man einfach nicht glauben mag: Georg Schramm macht in Neues aus der Anstalt Propaganda für den Iran.

Dafür zahlt man gern mehr als 7 Mrd. Euro Rundfunkgebühr pro Jahr.

Montag, 1. September 2008

[zensiert]

Das öffentlich-rechtliche Qualitätsfernsehen ARD hat mit Wladimir Putin ein Interview geführt und offenbar nur die Passagen gesendet, die ihm (dem Qualitätsfernsehen) in den Kram passen. Unser Staatsfernsehen zeigt sich von seiner besten Seite.

Samstag, 30. August 2008

Das deutsche Spielewunder

Der Economist hat endlich mal einen Artikel über das deutsche Brettspielwesen gebracht. Und wie üblich gelingt es den Damen und Herren aus London, eine plausible Begründung für das Phänomen schon in der kurzen Headline zu bringen: "An affinity for rules?"

Vielleicht wirklich die Erklärung dafür, warum ausgerechnet aus Deutschland so viele und so gute Brettspiele kommen ...

Freitag, 29. August 2008

Warum in die Ferne schweifen,
wenn die Nahe liegt so nah

Streng fachliche Verkostung im Weinforum. Diesmal geht es um Rieslinge von der Nahe. Joachim Rieth-Vogt war wieder mal gemein und hat gleich zwei Piraten eingeschmuggelt, die es herauszufinden gilt. Höchst angestrengt probiert die weinselige Runde die zwölf Kandidaten, aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Tropfen sind minimal. Der eine ist ein bißchen knackiger, der andere ein bißchen weicher, ein dritter vielleicht ein wenig vegetativer. Aber tolle, sehr gut trinkbare Rieslinge sind sie allesamt.

Am Ende landet die Grauschiefer-Spätlese vom Weingut Lindenhof auf dem ersten Platz. Mein Favorit ist allerdings der Riesling S von Rainer Marx aus Windesheim, der einen interessanten, aber sehr zarten Nebenton mitbringt. Ach ja, die Piraten stammen übrigens aus Baden-Baden und Forst in der Pfalz.

Als wir auch noch die Flaschenpreise erfahren, ist das Erstaunen groß: Die Weine kosten zwischen 4 Euro und 9,20 Euro. Auf an die Nahe!

Dienstag, 26. August 2008

(Auf-)Brausen

Was tun, wenn man ein Nischenanbieter ist, von seinen Kunden genau dafür geliebt wird und man insgeheim aber gar kein Nischenanbieter mehr sein möchte? Ganz einfach: Man weist potentielle Kunden darauf hin, daß man ein Nischenanbieter ist und von seinen Kunden dafür geliebt wird.

Dieses beliebte und erprobte Verfahren setzt nun auch Bionade ein. Lange Zeit galt die Fermentationslimonade als Geheimtip, bis sie über Szenekneipen und Bioläden schließlich im Supermarkt landete. Nun möchte Bionade aber so erfolgreich werden wie Coca Cola.

Verstehe ich das also richtig: Bionade möchte zur Limonade werden, zu der die Kunden greifen, indem die Firma sagt, daß die potentiellen Kunden momentan zu einer anderen Limonade greifen? Sagen, wer man ist, um zu werden, wer man (noch) nicht ist - wenn das keine aufrichtiges Marketing ist.

Liberal vs. liberal

Manchmal muß man sich wirklich fragen, ob und in welchem Ausmaß man unseren Medien noch trauen kann. Die F.A.Z. erwähnt in einem Beitrag über den Parteitag der Demokratischen Partei zum Beispiel Ted Kennedy, "der als Idol der liberalen Bewegung in Amerika gilt".

Wie bitte, Ted Kennedy ein liberales Idol? Dahinter steckt entweder eine höchst ungewöhnliche Interpretation oder schlicht Unkenntnis der amerikanischen Parteipolitik. Wahrscheinlich hat der F.A.Z.-Autor angenommen, daß das amerikanische Wort "liberal" im parteipolitischen Sinn dasselbe bedeutet wie "liberal" im Deutschen, was aber natürlich nicht der Fall ist. Man kann die amerikanischen Parteikategorien ja nur schlecht auf deutsche Verhältnisse übertragen, aber ein "liberal" würde in Deutschland wohl am ehesten als liberaler Sozialdemokrat durchgehen. Und ein deutscher Liberaler in den USA vielleicht als liberaler Konservativer.

Sicher, nur ein kleiner Fehler in einem ansonsten wohl verläßlichen Artikel. Aber ein Journalist, der das politische Geschehen in den USA beobachtet, kann ihn doch unmöglich begangen haben. Also bloße Schluderei? Oder war ein Praktikant am Werk? Und wie kann man sicher sein, daß solche Schlamperei nicht auch bei anderen Themen geschieht - ohne daß man es merkt?

Samstag, 23. August 2008

Schneider, bleib bei deinen Leisten

Die Landesmedienanstalten sind in panischer (Existenz-)Angst: Aus welchen Gründen sollten sie in 5-10 Jahren noch notwendig sein, wenn immer mehr Medienfunktionen ins Internet abwandern? Es vergeht daher kaum ein Monat, in dem sich Vertreter von Landesmedienanstalten nicht lächerlich machen. Mit Vorschlägen, die immer wieder die Realitätsferne unserer Medienkontrolleure beweisen und hinter denen doch stets nur Eigennutz steckt.

Der einzigartige Norbert Schneider hat nun in einem Brief an Google gezeigt, welche Kerninkompetenzen eine Führungskraft bei einer Landesmedienanstalt heute besitzen muß: Selbstüberschätzung und unheilbare Kontrollitis.

Mittwoch, 20. August 2008

Es geht Allens den Bach runter

ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN. Laut Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach soll nun schon wieder alles den Bach runter gehen. Unsere Jugendlichen interessierten sich nicht mehr für den klassischen Bildungskanon, sondern würden sich in immer stärkerem Maße "bedarfsgesteuert" und "ereignisgetrieben" informieren. Furchtbar! Die frechen Taugenichtse nehmen Informationen genau so auf, wie es heute jeder Hirnforscher empfiehlt. Das darf nicht sein!

Früher, als die Welt noch in Ordnung war, gaben wenigstens die meinungsführenden Medien den Ton an. Das Volk hielt die Probleme für dringlich, über die die Medien berichteten. Wunderbare Zeiten! Nun würde die Gesellschaft durch den Verzicht auf kontinuierliche Information aber anfälliger für Manipulationen.

Wie bitte? Weil die klassischen Medien künftig weniger Einfluß auf die Meinungsbildung haben werden und jeder sich individuell informiert, steigt die Gefahr der Manipulation? Allensbach-Logik ...

Montag, 18. August 2008

Geld regiert die "Welt"

In der langen Reihe schlechter und sehr schlechter Online-Angebote deutscher Tageszeitungen ist welt.de gar nicht mal Träger der roten Laterne. Und doch hat sich die Redaktion vor ein paar Wochen einen derben Schnitzer geleistet: Zur Schlagzeile "Ankepetra Müntefering erliegt Krebsleiden" bildeten die Springer-Redakteure einen herzhaft lachenden Franz Müntefering ab.

Wie kann man nur auf eine solch erbärmliche Idee kommen? Natürlich sind Bildstrecken bei Online-Medien heute beliebt, weil sie wenig kosten und viele Klicks bringen. Doch es muß doch auch mal eine Grenze geben.

Wird denn gar nichts mehr geprüft, kein Artikel mehr gegengelesen?

Messiaen in Neustadt

Gewiß, gewiß, auch die populäre Musikkultur des 20. Jahrhunderts hat so manches Werk hervorgebracht, das es wohl nicht in den Kanon künftiger Generationen schaffen wird. Aber war es nicht die erklärte Absicht der Neuerer Anfang des 20. Jahrhunderts, die Musik der Zukunft zu schaffen? Gemessen daran hat die Neue Musik großflächig versagt (hier ein schöner Stimmungsbericht von Joe Queenan). Wahrscheinlich lebt sie nur noch fort, weil zeitgenössische Komponisten sich auf bequemen Lehrstühlen ausruhen können. Eigentlich bemerkenswert: In dem Moment, in dem man die klassische Musik in den Stand förderungswürdiger Großkultur (mit Symphonieorchestern und Musikhochschulen in jedem zweiten Dorf) erhob, verurteilte man sie zu ewiger Starre. Ein typisches Symptom der Subventionitis.

Doch uns kann ja nichts schrecken, und so machen wir uns bei bestem Wetter auf, ein Konzert der Internationalen Messiaen-Woche in Neustadt an der Weinstraße zu besuchen. Unsere Wahl fällt auf eine Aufführung der Vingt regards sur l'Enfant-Jésus in der Kirche St. Jakobus, einem nach diversen Umbauten erschreckend barocken Gotteshaus. Allerdings grenzt die Kirche direkt an einen Weinberg, was wir als Hinweis auf frühes praktisches Denken in der Katholischen Kirche verstehen.

Das Publikum ist unerwartet gut gekleidet, aber erwartungsgemäß unerfahren. Auf die Idee, ausgerechnet bei einem Werk wie den Vingt regards nach den einzelnen Betrachtungen zu applaudieren, kann man wohl nur in der Pfalz kommen. Überhaupt: Applaus für Messiaen-Musik! Meinetwegen kann man den aufführenden Künstlern ja für eine bemerkenswert sportliche Leistung applaudieren, aber doch bitte nicht der Musik selbst. Messiaen gilt ja bis heute als Musiker, obwohl man seine technischen Übungen doch viel eher als Architektur betrachten sollte, wenn auch als verkorkste. Warum hat niemand den Mut, das Experiment der zeitgenössischen klassischen Musik endlich für gescheitert zu erklären? In diesem (und nur in diesem) Punkt kann ich Wickert zustimmen: Musikgaukler muß man Musikgaukler nennen.

In der Pause die große Frage: Wie können wir das Konzert sozialverträglich (d.h. ohne aufzufallen) verlassen? Ganz überraschend bietet sich hinter der hüfthohen Kirchenmauer eine willkommene Fluchtmöglichkeit, und so verschwinden wir durch den idyllischen Weinberg. Unser Mut wird mit herrlichen Brombeeren belohnt. O Dionysos!

Da ja Messiaen unseren Hunger nicht stillen konnte, machen wir erst mal Station in einer der unwichtigsten Burganlagen Deutschland, der Burg Spangenberg. Ein ganzes Jahrtausend lang wußte niemand, warum es diese Burg überhaupt gibt. Ihre Existenzberechtigung erhielt sie erst mit der skurril-urigen Burgschänke, wo Leberknödel und Saumagen noch hausgemacht sind - heute ja leider keine Selbstverständlichkeit mehr in der Pfalz.

Wagemutig treten wir den Rückweg über die traumhafte Totenkopfstraße an, die ja lange Zeit vor allem als Tatort bekannt war. Inzwischen gibt es hier erfreulicherweise aber keine Gauner mehr, und selbst für Motorradfahrer ist sie mittlerweile gesperrt.

Unser Ausflug endet kurz vor Karlsruhe im Stau an der Rheinbrücke. Doch man sollte jeden Stau als Chance begreifen, und so können wir im Radio noch einen hochinteressanten DLF-Bericht über kriminalistische DNA-Datenbanken hören. Offenbar hat Deutschland hier noch großen Nachholfbedarf. Wolle, was ist los?