Samstag, 30. August 2008

Das deutsche Spielewunder

Der Economist hat endlich mal einen Artikel über das deutsche Brettspielwesen gebracht. Und wie üblich gelingt es den Damen und Herren aus London, eine plausible Begründung für das Phänomen schon in der kurzen Headline zu bringen: "An affinity for rules?"

Vielleicht wirklich die Erklärung dafür, warum ausgerechnet aus Deutschland so viele und so gute Brettspiele kommen ...

Freitag, 29. August 2008

Warum in die Ferne schweifen,
wenn die Nahe liegt so nah

Streng fachliche Verkostung im Weinforum. Diesmal geht es um Rieslinge von der Nahe. Joachim Rieth-Vogt war wieder mal gemein und hat gleich zwei Piraten eingeschmuggelt, die es herauszufinden gilt. Höchst angestrengt probiert die weinselige Runde die zwölf Kandidaten, aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Tropfen sind minimal. Der eine ist ein bißchen knackiger, der andere ein bißchen weicher, ein dritter vielleicht ein wenig vegetativer. Aber tolle, sehr gut trinkbare Rieslinge sind sie allesamt.

Am Ende landet die Grauschiefer-Spätlese vom Weingut Lindenhof auf dem ersten Platz. Mein Favorit ist allerdings der Riesling S von Rainer Marx aus Windesheim, der einen interessanten, aber sehr zarten Nebenton mitbringt. Ach ja, die Piraten stammen übrigens aus Baden-Baden und Forst in der Pfalz.

Als wir auch noch die Flaschenpreise erfahren, ist das Erstaunen groß: Die Weine kosten zwischen 4 Euro und 9,20 Euro. Auf an die Nahe!

Dienstag, 26. August 2008

(Auf-)Brausen

Was tun, wenn man ein Nischenanbieter ist, von seinen Kunden genau dafür geliebt wird und man insgeheim aber gar kein Nischenanbieter mehr sein möchte? Ganz einfach: Man weist potentielle Kunden darauf hin, daß man ein Nischenanbieter ist und von seinen Kunden dafür geliebt wird.

Dieses beliebte und erprobte Verfahren setzt nun auch Bionade ein. Lange Zeit galt die Fermentationslimonade als Geheimtip, bis sie über Szenekneipen und Bioläden schließlich im Supermarkt landete. Nun möchte Bionade aber so erfolgreich werden wie Coca Cola.

Verstehe ich das also richtig: Bionade möchte zur Limonade werden, zu der die Kunden greifen, indem die Firma sagt, daß die potentiellen Kunden momentan zu einer anderen Limonade greifen? Sagen, wer man ist, um zu werden, wer man (noch) nicht ist - wenn das keine aufrichtiges Marketing ist.

Liberal vs. liberal

Manchmal muß man sich wirklich fragen, ob und in welchem Ausmaß man unseren Medien noch trauen kann. Die F.A.Z. erwähnt in einem Beitrag über den Parteitag der Demokratischen Partei zum Beispiel Ted Kennedy, "der als Idol der liberalen Bewegung in Amerika gilt".

Wie bitte, Ted Kennedy ein liberales Idol? Dahinter steckt entweder eine höchst ungewöhnliche Interpretation oder schlicht Unkenntnis der amerikanischen Parteipolitik. Wahrscheinlich hat der F.A.Z.-Autor angenommen, daß das amerikanische Wort "liberal" im parteipolitischen Sinn dasselbe bedeutet wie "liberal" im Deutschen, was aber natürlich nicht der Fall ist. Man kann die amerikanischen Parteikategorien ja nur schlecht auf deutsche Verhältnisse übertragen, aber ein "liberal" würde in Deutschland wohl am ehesten als liberaler Sozialdemokrat durchgehen. Und ein deutscher Liberaler in den USA vielleicht als liberaler Konservativer.

Sicher, nur ein kleiner Fehler in einem ansonsten wohl verläßlichen Artikel. Aber ein Journalist, der das politische Geschehen in den USA beobachtet, kann ihn doch unmöglich begangen haben. Also bloße Schluderei? Oder war ein Praktikant am Werk? Und wie kann man sicher sein, daß solche Schlamperei nicht auch bei anderen Themen geschieht - ohne daß man es merkt?

Samstag, 23. August 2008

Schneider, bleib bei deinen Leisten

Die Landesmedienanstalten sind in panischer (Existenz-)Angst: Aus welchen Gründen sollten sie in 5-10 Jahren noch notwendig sein, wenn immer mehr Medienfunktionen ins Internet abwandern? Es vergeht daher kaum ein Monat, in dem sich Vertreter von Landesmedienanstalten nicht lächerlich machen. Mit Vorschlägen, die immer wieder die Realitätsferne unserer Medienkontrolleure beweisen und hinter denen doch stets nur Eigennutz steckt.

Der einzigartige Norbert Schneider hat nun in einem Brief an Google gezeigt, welche Kerninkompetenzen eine Führungskraft bei einer Landesmedienanstalt heute besitzen muß: Selbstüberschätzung und unheilbare Kontrollitis.

Mittwoch, 20. August 2008

Es geht Allens den Bach runter

ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN. Laut Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach soll nun schon wieder alles den Bach runter gehen. Unsere Jugendlichen interessierten sich nicht mehr für den klassischen Bildungskanon, sondern würden sich in immer stärkerem Maße "bedarfsgesteuert" und "ereignisgetrieben" informieren. Furchtbar! Die frechen Taugenichtse nehmen Informationen genau so auf, wie es heute jeder Hirnforscher empfiehlt. Das darf nicht sein!

Früher, als die Welt noch in Ordnung war, gaben wenigstens die meinungsführenden Medien den Ton an. Das Volk hielt die Probleme für dringlich, über die die Medien berichteten. Wunderbare Zeiten! Nun würde die Gesellschaft durch den Verzicht auf kontinuierliche Information aber anfälliger für Manipulationen.

Wie bitte? Weil die klassischen Medien künftig weniger Einfluß auf die Meinungsbildung haben werden und jeder sich individuell informiert, steigt die Gefahr der Manipulation? Allensbach-Logik ...

Montag, 18. August 2008

Geld regiert die "Welt"

In der langen Reihe schlechter und sehr schlechter Online-Angebote deutscher Tageszeitungen ist welt.de gar nicht mal Träger der roten Laterne. Und doch hat sich die Redaktion vor ein paar Wochen einen derben Schnitzer geleistet: Zur Schlagzeile "Ankepetra Müntefering erliegt Krebsleiden" bildeten die Springer-Redakteure einen herzhaft lachenden Franz Müntefering ab.

Wie kann man nur auf eine solch erbärmliche Idee kommen? Natürlich sind Bildstrecken bei Online-Medien heute beliebt, weil sie wenig kosten und viele Klicks bringen. Doch es muß doch auch mal eine Grenze geben.

Wird denn gar nichts mehr geprüft, kein Artikel mehr gegengelesen?

Messiaen in Neustadt

Gewiß, gewiß, auch die populäre Musikkultur des 20. Jahrhunderts hat so manches Werk hervorgebracht, das es wohl nicht in den Kanon künftiger Generationen schaffen wird. Aber war es nicht die erklärte Absicht der Neuerer Anfang des 20. Jahrhunderts, die Musik der Zukunft zu schaffen? Gemessen daran hat die Neue Musik großflächig versagt (hier ein schöner Stimmungsbericht von Joe Queenan). Wahrscheinlich lebt sie nur noch fort, weil zeitgenössische Komponisten sich auf bequemen Lehrstühlen ausruhen können. Eigentlich bemerkenswert: In dem Moment, in dem man die klassische Musik in den Stand förderungswürdiger Großkultur (mit Symphonieorchestern und Musikhochschulen in jedem zweiten Dorf) erhob, verurteilte man sie zu ewiger Starre. Ein typisches Symptom der Subventionitis.

Doch uns kann ja nichts schrecken, und so machen wir uns bei bestem Wetter auf, ein Konzert der Internationalen Messiaen-Woche in Neustadt an der Weinstraße zu besuchen. Unsere Wahl fällt auf eine Aufführung der Vingt regards sur l'Enfant-Jésus in der Kirche St. Jakobus, einem nach diversen Umbauten erschreckend barocken Gotteshaus. Allerdings grenzt die Kirche direkt an einen Weinberg, was wir als Hinweis auf frühes praktisches Denken in der Katholischen Kirche verstehen.

Das Publikum ist unerwartet gut gekleidet, aber erwartungsgemäß unerfahren. Auf die Idee, ausgerechnet bei einem Werk wie den Vingt regards nach den einzelnen Betrachtungen zu applaudieren, kann man wohl nur in der Pfalz kommen. Überhaupt: Applaus für Messiaen-Musik! Meinetwegen kann man den aufführenden Künstlern ja für eine bemerkenswert sportliche Leistung applaudieren, aber doch bitte nicht der Musik selbst. Messiaen gilt ja bis heute als Musiker, obwohl man seine technischen Übungen doch viel eher als Architektur betrachten sollte, wenn auch als verkorkste. Warum hat niemand den Mut, das Experiment der zeitgenössischen klassischen Musik endlich für gescheitert zu erklären? In diesem (und nur in diesem) Punkt kann ich Wickert zustimmen: Musikgaukler muß man Musikgaukler nennen.

In der Pause die große Frage: Wie können wir das Konzert sozialverträglich (d.h. ohne aufzufallen) verlassen? Ganz überraschend bietet sich hinter der hüfthohen Kirchenmauer eine willkommene Fluchtmöglichkeit, und so verschwinden wir durch den idyllischen Weinberg. Unser Mut wird mit herrlichen Brombeeren belohnt. O Dionysos!

Da ja Messiaen unseren Hunger nicht stillen konnte, machen wir erst mal Station in einer der unwichtigsten Burganlagen Deutschland, der Burg Spangenberg. Ein ganzes Jahrtausend lang wußte niemand, warum es diese Burg überhaupt gibt. Ihre Existenzberechtigung erhielt sie erst mit der skurril-urigen Burgschänke, wo Leberknödel und Saumagen noch hausgemacht sind - heute ja leider keine Selbstverständlichkeit mehr in der Pfalz.

Wagemutig treten wir den Rückweg über die traumhafte Totenkopfstraße an, die ja lange Zeit vor allem als Tatort bekannt war. Inzwischen gibt es hier erfreulicherweise aber keine Gauner mehr, und selbst für Motorradfahrer ist sie mittlerweile gesperrt.

Unser Ausflug endet kurz vor Karlsruhe im Stau an der Rheinbrücke. Doch man sollte jeden Stau als Chance begreifen, und so können wir im Radio noch einen hochinteressanten DLF-Bericht über kriminalistische DNA-Datenbanken hören. Offenbar hat Deutschland hier noch großen Nachholfbedarf. Wolle, was ist los?

Dienstag, 12. August 2008

Marco Dettweiler, “seriöser Journalist”

Wie kann sich ein seriöser F.A.Z.-Journalist mit einer gewissen Verachtung für Blogs in Minuten seinen Ruf ruinieren? Marco Dettweiler hat das unfreiwillig demonstriert - und damit ebenso unfreiwillig zugleich den Einfluß betont, den Blogs auf klassische Medien inzwischen haben.

Auch der Spiegel hielt es ja kürzlich für nötig, gleich drei Redakteure auf eine große Geschichte über die Irrelevanz der politischen Blogs anzusetzen.

Montag, 11. August 2008

Ich Binz gewesen

Unser Sommerurlaub beginnt mit einer geographischen Überraschung: Ein renommierter Routenplaner schlägt uns die kürzeste Strecke nach Rügen vor - über Tallinn. Mit der Fähre spart man sich einige Autokilometer. Fabelhaft, diese moderne Technik!

Wir schlagen die trickreiche Routenempfehlung allerdings aus und folgen unserem eigenen Plan. Nach einem Zwischenhalt im herrlich mittelalterlichen Duderstadt rollen wir verblüfft durch Lindau(!) und dann sogar buchstäblich Bodensee(!!), zwei hübsche Dörfer im Harz-Vorland. Auch an der Katlenburg kommen wir vorbei, wo mir vor bald einem Vierteljahrhundert während einer Klassenfahrt meine nagelneue Armbanduhr abhanden kam (die Stoppuhr schaffte Hundertstelsekunden, damals wichtig für Zehnjährige). Der Verlust schmerzt noch heute.

Im Ostseebad Binz fällt uns dann als erstes ein Gegensatz auf. An den Straßen: strahlend weiße Architektur im Bäderstil des 19. Jahrhunderts. Auf den Straßen: B-Publikum, das auch Palma de Mallorca alle Ehre machen würde. Kann es sein, daß Binz nicht ganz die Zielgruppe anzieht, die man sich erhoffte? Sogar zwei Drogeriediscounter haben sich in der Flaniermeile angesiedelt - für ein Seebad eine Spur zu funktional gedacht, wie mir scheint. Gleich mehrere Restaurants schreiben "Hänchen" statt "Hähnchen". Man wünscht ihnen ja beinahe, daß ein Gast endlich mal ein H in der Suppe findet.

Systematisch klappern wir in den nächsten Tagen alles ab, was der Osten Rügens hergibt: Kap Arkona, die Kreidefelsen, das Jagdschloß Granitz, Sellin, Göhren ... und natürlich Prora. Wenn die Nazis damals geahnt hätten, daß heute Millionen Menschen ihren Urlaub in ganz ähnlichen Bettenburgen verbringen, und das freiwillig! Prora war übrigens von Anfang an falsch geplant, schon am gigantischen Trinkwasserbedarf wäre die Erholung der 20.000 KdF-Urlauber gescheitert. Robert Ley und Architekt Clemens Klotz können froh sein, daß ihnen der Zweite Weltkrieg dazwischenkam, der Führer hätte sicher getobt.

Anke, die sich in Muschelkreisen einen Ruf wie ein Donnerhall erworben hat, hält sich diesmal zurück und überführt nur wenige Muschelexemplare in ihre Privatsammlung. Wir kommen also nicht vors Strandgericht, puh.

Rügen wäre natürlich nichts ohne den Rasenden Roland. Wir gönnen uns die nostalgische Bahnfahrt gleich mehrfach und stellen überrascht fest, daß die Dampflok pünktlicher als die meisten ICEs ist. Es scheint sich eben doch zu rentieren, wenn man viel Kohle in die Eisenbahn steckt.

Auch kulinarisch kann man auf Rügen viel erleben. Im Hafenrestaurant Zum alten Fischer in Breege ordere ich zum Fisch die Empfehlung des Hauses, den Fischwein 11° aus der Südpfalz. Ein Stück Heimat in der Ferne, juhu! Doch schon der erste Schluck ist so wässerig, daß ich nach dem Namen des Winzers frage. "Weiß ich nicht, ist unser Hauswein", lautet die genervte Antwort. Ob man denn wenigstens den Ort in Erfahrung bringen könne? Nach kurzer Zeit kommt die Bedienung mit der Antwort zurück: Freiburg! Äh ... Freiburg? "Ja, Freyburg. In der Pfalz! An der Unstrut!" Vielleicht entwickeln Insulaner einfach ein anderes Raumgefühl.

Besagter Fischwein begegnet uns noch einmal im gemütlichen Bootshaus direkt an der Strandpromenade. Das gastronomische Highlight erleben wir hingegen gegen Ende unserer Reise im Surf'n Turf: tolle moderne Küche mit einer schönen Weinauswahl, man reicht uns unter anderem einen feinen Riesling vom Weingut Bürklin-Wolf.

Kurz vor Abreise werde ich abends auf den Straßen von Binz noch Zeuge eines Polizeizugriffs: Ein Missetäter wird von einem extrem durchtrainierten Polizisten mit Schlagstock gejagt und keine 10 Meter neben mir schließlich gestellt. Während sich der Flüchtling zu Boden wirft, höre ich ihn ängstlich flehen: "Bitte nicht niederhauen!".

Donnerstag, 31. Juli 2008

Die Sozialautokraten

Parteischädigendes Verhalten können unsere Sozialdemokraten ja praktisch jedem zweiten Parteipromi vorwerfen. Schließlich haben Genossen wie Beck, Ypsilanti oder natürlich Oldie (Ver-)Eppler nichts anderes im Sinn, als ihre Partei schlecht aussehen zu lassen. Doch nun soll ausgerechnet Wolfgang Clement tatsächlich aus der SPD ausgeschlossen werden. Wieviel Angst muß eine Partei haben, daß sie auf eine Lappalie dermaßen überzogen reagiert?

Wenn die SPD so weitermacht, ist die CDU bald die einzige sozialdemokratische Partei in Deutschland ...

Potts' Blitz

Auch bei unseren Freunden auf der Insel gibt es Talentshows. Im letzten Jahr wurde die ITV-Sendung Britain's Got Talent von einem "Talent" gewonnen, das eine professionelle Opernausbildung hinter sich hat: Paul Potts. Mr Potts gibt sich als schüchterner Bursche, wird von ehemaligen Kollegen aber als Verkaufsgenie beschrieben. Alles also wahnsinnig authentisch.

Sein Album One Chance verkauft sich wie geschnitten Brot. Dabei wurde bei der Namensgebung eine große Chance vertan. Im Grunde hätte seine Plattenfirma Sony BMG von Kambodscha-Freund Nils-Petter Molvær lernen und das Album Khmer nennen sollen. Natürlich hätte man in diesem Fall auch noch das S aus Paul Potts Namen streichen müssen.

Samstag, 26. Juli 2008

Mal was anderes

Ich habe mich zu einer denkwürdigen Abendveranstaltung überreden lassen: einem Mal-Crashkurs mit Weinbegleitung. Und das, obwohl ich doch nicht mal einen einfarbigen Kreis anständig aufs Papier bekomme. Doch alles beginnt ganz harmlos. Die Künstlerin erzählt uns dies und das über Farben und Pinsel und fragt nach den Bildplänen der Teilnehmer. Ich halte mich vornehm zurück und nuckele an meinem Wein. Doch irgendwann ist das Glas leer, und wir Malschüler begeben uns demütig an die Staffeleien. Also frisch ans Werk!

Anfangs wirkt mein Bild gar nicht so schlecht. Es besteht vor allem aus einem blauen Hintergrund, der nach oben hin heller wird. Wenn man sich nur weit genug von der Leinwand entfernt, sieht es eigentlich gar nicht nach Kindergartenklackserei aus. Ganz im Gegenteil: Der Eindruck ist hart, männlich, kühl - wow! Das hätte ich ja selbst nicht gedacht!

Voller Vertrauen in mein erwachtes künstlerisches Genie beschließe ich, das Werk "Der Eisgott" zu nennen, als sich plötzlich die Künstlerin nähert und mein Bild freundlich begutachtet. "Gar nicht schlecht! Diese weichen Übergänge, das ist ja ein sehr weibliches Bild!"

Volltreffer. Kunst ist, wenn man trotzdem lacht.

Auf den Straßen von Ludwigshafen

Schon wieder ein Straßentheater-Festival! Diesmal allerdings auf der pfälzischen Seite von Gevatter Rhein - in Ludwigshafen, der praktischen Siedlung gleich neben der BASF. Wenn die vielen Brücken in der Stadt nicht aus Beton und so furchtbar häßlich wären, könnte man die Stadt glatt das Venedig der Pfalz nennen! Über zahlreiche eben jener Brücken landen wir aber irgendwie doch noch am Ort des Geschehens, dem Ludwigsplatz gleich neben dem unwahrscheinlich bedrückenden Rathaus-Center. Ich muß an Hohenschönhausen denken ...

Wir bestaunen noch die Bausünden der 60er, als der Kulturmensch der Stadtverwaltung die Veranstaltung mit einer erstaunlichen Information eröffnet: "Liebe Zuschauer, ich begrüße Sie herzlich auf einem der schönsten Plätze Ludwigshafens!" Ogottogott!

Doch irgendwie kommt das Fest nicht so richtig in Fahrt. The Four Shops spielen ein bißchen Musik und nennen dabei sehr häufig ihren Ensemblenamen, anschließend bewegen sich die Yeti-Wesen der Envoyés du Yuoclund über den Platz und treiben ihre Späße. Zum Schluß der Auftaktveranstaltung gibt es noch folkloristische Artistik von Bani Obashwè. Handstand & Co. mit afrikanischer Musik und in Löwenkostümen. Nun ja, wenn es denn der Völkerverständigung dient.

Gegen Mitternacht verlassen wir Ludwigshafen ... oder versuchen es zumindest. Doch leider haben wir keine Chancen gegen all die Brücken und Trogstraßen und scheitern endgültig nördlich von Limburgerhof an der schwierigsten Kreuzung Deutschlands. Also Kommando zurück! Wir umfahren das Venedig der Pfalz weiträumig und können von der A6 wenigstens noch einen Blick auf die erleuchtete BASF-Industrieromantik werfen.

Mittwoch, 23. Juli 2008

Bei den Sloterdijks

Jahrespräsentation der HfG-Studenten, in diesem Jahr unter dem Motto "Sommerloch '08"! Gleich hinterm Eingang stolpern wir über eine Picknickdecke, die wohl von Handwerkern vergessen worden ist. Darauf: ein altes Kofferradio, ein Campingstuhl und noch einige andere Dinge. Wir ärgern uns über die Schlamperei, als uns auffällt, daß auch sorgfältig zusammengeknüllter Müll auf der Decke liegt. Halt! Das muß folglich schon Kunst sein! Welch brillante Komposition - gleich zu Beginn konfrontieren uns die angehenden Künstler mit unserer Erwartungshaltung! Kunst dort, wo wir nicht auf sie vorbereitet sind: meisterhaft!

Keine 50 Meter weiter stoßen wir auf ein erneutes Spiel mit unserer festgefügten Weltwahrnehmung. Die Besucher können mit einem Wischmop und weißer Farbe auf dem Boden herumschmieren, wodurch nach und nach eine Art abstrakte Collage entsteht. Jeder kann mitmachen. Kunst und Demokratie - das paßt doch eigentlich gar nicht zusammen, stellen wir erschrocken fest! Nur um wenige Augenblicke später zu einem reflektierten Urteil zu kommen: fabelhaft, wieder dieser unbedingte Mut zur Kontroverse! Sloterdijk hat seine Schüler gut im Griff.

Im 1. Stock wird es dann wahnsinnig langweilig. Wir entdecken lauter Gestaltungsentwürfe, die uns sehr gut gefallen. Unser Favorit ist ein Tischschrank, der ausschließlich aus Schubladen besteht (siehe Bild). Interessantes Design, igitt. Das kann ja wohl keine Kunst sein.